Ende 2005 entschlossen sich einige HochschullehrerInnen dazu, einen bundesweiten „Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit" (AKS) ins Leben zu rufen. Das war keine völlig neue Idee, es gab seit den 1970er Jahren schon mal solche Arbeitskreise, die seit damals (bis heute) die Zeitschrift "Widersprüche" herausgeben, die ca. 4x Jahr erscheint. Einer ihrer Gründer und bis heute Aktiver ist Timm Kunstreich (siehe unten), der längere Zeit am Hamburger "Rauhen Haus" lehrte.

 

Die heutige Aktualität eines derartigen Arbeitskreises stellt/e sich aufgrund einiger zentraler Sachverhalte, so u.a. in Anbetracht

1.) aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen (Stichworte: Globalisierung, Neoliberalismus, „Vermarktwirtschaftlichung“ weiter gesellschaftlicher Bereiche, und in der Folge zunehmende soziale Ungleichheit, zunehmende Arbeitslosigkeit und Armut usw.);

2.) des "Zustands" Sozialer Arbeit in Theorie und vor allem in Praxis und Ausbildung;

3.) der Unzufriedenheit von Praktikern und Praktikerinnen, Studentinnen und Studenten mit Entwicklungstendenzen Sozialer Arbeit sowie den (Arbeits-)Bedingungen sozialarbeiterischer/ sozialpädagogischer Praxis;

4.) verstreuter Aktivitäten einer Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen an Fachhochschulen und Universitäten sowie in diversen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit.

Mit der Konstituierung des AKS wurde beabsichtigt und auch realisiert, ein gemeinsames Forum für die (Weiter-)Entwicklung einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit zu schaffen; nicht nur, um die individuellen Anstrengungen um eine kritische Theorie und Praxis Sozialer Arbeit in einem gemeinsamen Projekt zu bündeln, sondern auch, um eine kritische Praxis und Gegenöffentlichkeit zum Mainstream Sozialer Arbeit und Sozialpolitik sowie zum hegemonialen neoliberalen Diskurs weiter zu stärken.

Weitere Infos zu den verschiedenen Regionalgruppen: http://www.kritischesozialearbeit.de/


Bundestreffen der Arbeitskreise Kritische Soziale Arbeit 2018

Freitag, 16.11. bis Sonntag, 18.11.2018

an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig

 

Soziale Arbeit und Emanzipation?

Aktuelle Grenzbestimmungen und (Un-)Möglichkeiten ihrer Überwindung

 

Workshop (Präsentation, AG´s und Diskussion):

"Kritik der profitorientierten, bzw. Drittmittel abhängigen dualen Studiengänge Soziale Arbeit"
Samstag den 17. Nov. von 14 - 17 Uhr beim AKS Regionalgruppen-Bundestreffen in Leipzig an der HTWK.
Grassierender Wildwuchs an öffentlichen und profitorientierten dualen ("dienstherreneigenen") Studiengängen Soziale Arbeit angesichts von eklatantem Arbeitskräftemangel - Was ist davon zu halten ? Zunehmende Dominanz unternehmerischer Hochschulstrukturen - Wo bleibt die Freiheit der Lehre ?  Zur Kritik an der zunehmenden Privatisierung von Hochschul-Ausbildung am Beispiel Soziale Arbeit. Mit Rodolfo Bohnenberger (Bremen) und Nicolas Grießmeier (München)

 

Anreise am Freitag ab 17 Uhr, Programmbeginn 18:30 Uhr. Das Ende des Kongresses wird am Sonntag voraussichtlich gegen 13:30 Uhr sein.      

Anmeldung bis: 14.10.2018,    E-Mail an:   aks.bundestreffen2018.leipzig@gmail.com

WEB-Seite: http://aksleipzig.blogsport.de/category/aks-bundestreffen-2018/

Facebook: www.facebook.com/aksleipzig


Plädoyer für die Abschaffung der Heimerziehung - vom Kinder- und JugendHILFErecht - zu einem KINDER- UND JUGENDRECHT - Timm Kunstreich

Emer. Prof. Timm Kunstreich (und viele andere) kämpft seit fast 50 Jahren (seit 1969) für die Abschaffung der repressiven Heimerziehung. Im Heft 146 der Widersprüche (Dez. 2017) resümiert er über die "offene Rechnung aus der Heimrevolte 1969/1970". - Nach der fast Abschaffung der geschlossenen  Unterbringung und nach einigen Jahren Aufarbeitung der Folgen für die hunderttausenden Opfer der brutalen (meist kirchlichen) Heime 1945-1985 in den "Runden Tischen zur Heimerziehung" der beiden Nachkriegsdeutschlands keimte die trügerische Hoffnung, es wäre vorbei mit der Repressivität in der Jugendhilfe. Doch diese feierte fröhliche Urständ "quasi unter dem Radar selbst der kritischen Fachwissenschaften - Disziplinierungs- und Degradierungstechniken" [werden neuerdings] "nur verfeinert und modernisiert.", teilweise aus den amerikanischen "Boot-Camps" importiert. Deshalb stelle sich die gleiche Forderung erneut: ABSCHAFFUNG DER HEIMERZIEHUNG.

 

Timm Kunstreichs Plädoyer zu lesen empfiehlt sich vor dem Hintergrund von modernen Formen der "Dressur zur Mündigkeit" und erst recht der Heimskandale "Haasenburg" in Brandenburg und "Friesenhof" in Schleswig Holstein. Die ehemalige Friesenhof-Inhaberin Janssen nahm schon 2005 Kontakt mit dem Ex-Boxer Lothar Kannenberg auf, und holte ihn 2013 vorübergehend als Berater in ihr Haus. - Die Bremer erinnern sich wohl an die bis zu 1000 jungen Geflüchteten, die ab 2015 bis zur Insolvenz im Okt. 2017 im Auftrag des Bremer Jugendamtes von der "Kannenberg-Akademie" in Bremen in deren Häusern in Bremen betreut wurden. Bis heute erfährt die Öffentlichkeit nur bruchstückhaft, mit welchem pädagogischen Konzept dort eigentlich gearbeitet wurde.

 

Der AKS Hamburg hat eine Kampagne gestartet mit dem Titel: Für die Verwirklichung der UN Kinderrechts-Konvention statt Überwachen und Erniedrigen in den Grauzonen der Hilfen zur Erziehung!

 

"In der Praxis [sei] aber mittlerweile [die] vorherrschende Technologie: die des „Stufen-Vollzuges“ oder „Phasen-Modells“. Dieses Konzept – inspiriert von den Bootcamps in den USA und behavioristischen Dressurexperimenten – fußt auf entwürdigenden und stigmatisierenden Degradierungs-Zeremonien, für die findige Professionelle ständig neue Bezeichnungen und Vokabeln erfinden. Die Grundform dieser Praxis ist dabei jedoch immer die gleiche:

 

In der Eingangsstufe oder Eingewöhnungsphase werden den Eintretenden die Verhaltensvorschriften für diese neue Situation bekannt gemacht, einschließlich der dazugehörigen Sanktionen, wenn sie nicht eingehalten werden, bzw. der Belohnungen, wenn man sich den vorgeschriebenen Regularien unterwirft. Diese Vorschriften sind immer belastend und entwürdigend, da sie die Bewegungsfreiheit, die Kommunikation und soziale Kontakte einschränken, Genussmittel verbieten, die Wahl der Kleidung reglementieren oder andere Schikanen erfinden, die als pädagogisch notwendige Strukturierung getarnt werden.

 

Nach „erfolgreicher“ Anpassung wird in der zweiten Stufe oder Orientierungsphase der Regelkatalog gelockert, so dass die „ProbandInnen“ in ihrem Interesse an Erleichterungen angesprochen werden. Bei Regelverstößen ist eine Rückkehr auf die vorherige Stufe oder Phase verbindlich vorgeschrieben.

 

Die letzte Stufe oder eine entsprechend charakterisierte „Normalphase“ enthält weitere Vergünstigungen, sofern man sich an die jetzt zwar noch weiter gelockerten, aber noch immer eingrenzenden Bestimmungen des Settings hält. Auch hier ist bei Verstößen eine Rückstufung möglich und üblich.

 

Das gesamte Setting verlangt von allen beteiligten Akteuren die strikte Befolgung aller Regeln. Erleben die Kinder und Jugendlichen die gewaltsame Struktur als Entwertung ihrer gesamten personalen und sozialen Identität, sind auch die Fachkräfte in einen schematischen Ablauf gepresst, der ihnen keine Freiräume der Entscheidung lässt und so vielfach ihrem professionellen Selbstbild widerspricht.

 

Derartige Stufenprogramme widersprechen grundlegenden Menschenrechten und sind nicht mit der Kinderrechtskonvention der Vereinigten Nationen zu vereinbaren (BMFSJ 2007). Sie verstoßen gegen den gesamten Tenor der Konvention, vor allem aber gegen Art. 12, in dem ausdrücklich festgehalten wird, dass die Willensäußerungen des Kindes „angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife“ zu berücksichtigen sind (grundlegend und ausführlich dazu: Waltraud Kerber-Ganse 2009). Da dieses Konvention in Deutschland unmittelbare Gültigkeit hat, müssen Einrichtungen, die mit derartigen Degradierungszeremonien arbeiten, abgeschafft oder zumindest gezwungen werden, ihre Arbeitsweisen fundamental zu verändern." (Quelle)

 

Zu dem theoretischen Hintergründen schreibt Timm Kunstreich im Heft 146 der Widersprüche S. 106 :

 

"Bis in die Begrifflichkeit hinein gibt es in der Menschenökonomie die deutlichste Kontinuität zwischen alter und neuer Sozialhygiene: Menschen werden auf betrieblicher und volkswirtschaftlicher Ebene unter Kosten-Nutzen-Relationen bewertet.


Dass klassifizierendes Denken geradezu das „Markenzeichen" der „jungen" Profession der Sozialen Arbeit war und ist, wird nicht zuletzt in der Diskussion um Diagnostik offensichtlich (Widersprüche Heft 88, 2003). Herausragende Beispiele aus den 1920er Jahren sind die beiden berühmten Arbeiten von Alice Salomon: „Soziale Diagnose" und „Soziale Therapie".


Die Volksgemeinschaftsideologie setzt sich in institutionellen Handlungsmustern als „Ausdifferenzierung sozialer Zensuren" durch (Kunstreich 2014a: 59f.). Diese Zensuren haben bei aller Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Bezugspunkt; die hegemoniale Lebensweise (vgl. Sumner 1991). Zwar nicht mehr der Begriff, aber die Funktion von Volksgemeinschaft spielt heute eine wesentliche Rolle:

 

Wen und was kann die „Gemeinschaft der Steuerzahler" noch finanzieren? „Keine Leistung ohne Gegenleistung". Diese Frage und diese Forderung sind inzwischen Gemeingut und haben die Vorstellung eines Rechtes auf Leistungen „ohne Vorbedingungen" verdrängt.


In jedem Fall geht es darum, Verhalten zu verändern, nicht die Verhältnisse. Das manifestiert sich in einem entsprechenden Gestaltwandel der hegemonialen Vergesellschaftung: Dominierte im Fordismus die Figur des „Arbeitskraft-beamten", dem ein gesicherter Familienlohn in gesicherten Arbeits Verhältnissen garantiert war, so dominiert heute die Figur des „Arbeitskraft-unternehmers" und der „Arbeitskraft unternehmerin", der und die für die Risiken und Chancen seiner und ihrer Selbstverwertung verantwortlich sind (Steinen 2005)."


17.-19. November 2017 - das letzte AKS Bundestreffen an der PH Freiburg

Kritik des aks Hamburg an der Entscheidung des AKS-Bundestreffen in München vom Nov. 2016 das nächste Treffen vom ursprünglich geplanten Dresden nach Freiburg im Nov. 2017 zu verlegen (Auszug):

 

"Eine große Mehrheit lehnte [in München übereilt ganz an Schluss] nach lebhafter Diskussion ab, nach Dresden zu gehen. Zu diesem Ergebnis gelangten die Teilnehmer_innen des AKS-Bundestreffens 2016, nachdem eine Kollegin eingewandt hatte, dass sie sich aufgrund ihres Migrationshintergrunds in Dresden nicht sicher fühlen würde. Das ist eine Entwicklung, die auf mehreren Ebenen erschreckend und bedenkenswert erscheint. Wir hätten mit der Äußerung auch anders umgehen können. Eine Teilnehmerin benennt ihre Angst vor möglichen Gefahren in Dresden aufgrund ihres Migrationsvordergrundes. Wäre dieser Angst nicht vielmehr offensiv zu begegnen?..."

 

Vor diesem Hintergrund bekommt der Satz in der Ankündigung des Treffens in Freiburg eine ganz besondere Bedeutung: "Teilweise agieren wir als Akteur_innen Sozialer Arbeit hilflos, teilweise unterstützen wir diese Strukturen oder produzieren sie sogar durch vermeintlich professionelles Handeln selbst."