Vortrag von Prof. Fabian Kessl (Uni Duisburg-Essen) "Die neue Unterschichtsdebatte und der ´aktivierende` Sozialstaat"

2-stündige Audio mit einem Vortrag von Fabian Kessel: 

"Im Rahmen der Diskussionen um die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahren kam eine Debatte um eine sogenannte “neue Unterschicht” auf. Diese “neue Unterschicht” ist nicht wie die “alte” eine soziologische Kategorie zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, die über die geringsten materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen verfügt. Sie ist ein politischer Kampfbegriff, mit dem eine Kulturalisierung der Debatte über soziale Ungleichheit erreicht werden soll.
Nicht strukturelle Ungleichheiten seien für Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg verantwortlich, sondern eine “Unterschichtenmentalität”, die sich in Faulheit und Passivität äußere. Der Sozialstaat trage daran schuld, weil er die Menschen von sich abhängig mache und ihre “Eigeninitiative” zerstöre. Mit diesem Diskurs und seinen materiellen Resultaten wie der Hart-IV-Gesetzgebung wird Sozialabbau gerechtfertigt und eine Bevölkerungsgruppe konstruiert, die, da potentiell faul, chaotisch und zum Sozialmissbrauch neigend, scharf überwacht und sanktioniert werden muss.
In der Veranstaltung wird die Debatte über die “neue Unterschicht” analysiert und gezeigt, wem diese Debatte dient und was ihre Ziele sind. Wie das Leitbild der Sozialen Arbeit durch die Debatte verändert wird und welche Konsequenzen dies für deren “zu aktivierende” Klientel hat, ist weiter Gegenstand des Vortrags."
Fabian Kessl ist Professor für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Uni Duisburg-Essen. Er ist Mitherausgeber des Buches “Erziehung zur Armut? Soziale Arbeit und die ´neue Unterschicht`” (2007).


"Trumps Präsidentschaft bedeutet eine Niederlage für alle liberalen Demokraten. Aber sie bietet auch wichtige Lehren – und Hoffnung: Denn wir befinden uns jetzt an einer Weggabelung, an der Veränderungen nicht nur möglich, sondern unvermeidbar sind." Ein Kommentar von Yanis Varoufakis.

Auszug aus einem Artikel von Varoufakis in MAKRONOM 16.11.2016 ..."Von Mitte der 70er Jahre bis 2008 hat die US-Wirtschaft den globalen Kapitalismus in einem unstabilen, wenn auch fein ausbalancierten Gleichgewicht gehalten. Sie hat die Netto-Exporte von Volkswirtschaften wie Deutschland, Japan und später China angezogen und so die notwendige Nachfrage für die effizientesten Werkbänke bereitgestellt. Und wir wurde dieses wachsende Handelsdefizit bezahlt? Indem rund 70% der Profite ausländischer Firmen an die Wall Street zurückkehrten, um an den US-amerikanischen Finanzmärkten investiert zu werden.

 

Um diesen Recycling-Mechanismus am Laufen zu halten, musste die Wall Street von allen Zwängen befreit werden: von den Überbleibseln des New Deal von Präsident Roosevelt und dem Bretton-Woods-Abkommen der Nachkriegszeit, welches darauf aus war, die Finanzmärkte zu regulieren. Das ist der Grund, warum die Washingtoner Amtsträger so begeistert davon waren, den Finanzsektor zu deregulieren: Die Wall Street stellte den Kanal zur Verfügung, durch den die wachsenden Kapitalflüsse aus dem Rest der Welt die Defizite der USA ausgleichen konnten und gleichzeitig die notwendige gesamtwirtschaftliche Nachfrage lieferten, um den Globalisierungsprozess zu stabilisieren. Und so ging es immer weiter. ...

 

Es war tragisch, aber auch sehr vorhersehbar, dass die Wall Street immer weitere undurchschaubare Pyramiden von privatem Geld (auch bekannt als strukturierte Derivate) aus den ins Land fließenden Kapitalflüssen aufbaute. Was 2008 passierte, kann jedes Kind nachvollziehen, dass einmal versucht hat, einen unendlich großen Turm aus Sand zu bauen: Die Wall-Street-Pyramiden kollabierten unter ihrem eigenen Gewicht.

 

Die Zentralbanken verhinderten eine zweite Große Depression – aber sie hatten nicht die Kapazitäten, um die Krise wirklich zu lösen. Es war der 1929-Moment unserer Generation: Die Zentralbanken, angeführt von Fed-Chef Ben Bernanke, einem Studenten der Großen Depression, schritten ein, um eine Wiederholung der 30er Jahre zu verhindern und ersetzten das verschwundene private Geld mit billigen öffentlichen Krediten. Sieht man von schwächeren Ländern wie Portugal und Griechenland ab, verhinderten die Zentralbanken so eine zweite Große Depression – aber sie hatten nicht die Kapazitäten, um die Krise wirklich zu lösen. Die Banken wurden wieder flottgemacht und das US-Handelsdefizit stieg erneut auf den Stand von vor der Krise. Allerdings war die US-Wirtschaft nicht mehr in der Lage, den weltweiten Kapitalismus ins Gleichgewicht zu bringen.

 

Das Ergebnis ist die Große Deflation im Westen, die von ultraniedrigen oder negativen Zinsen, fallenden Preisen und einer abgewerteten Arbeiterschaft gekennzeichnet ist. Die Gesamtersparnisse der Welt sind (gemessen als Anteil am Welteinkommen) auf ein Rekordhoch gestiegen, die Investitionen auf ein Rekordtief gefallen.

 

Wenn sich so viele unproduktive Ersparnisse akkumulieren, neigt insbesondere der Preis des Geldes (der Zins), aber eigentlich der Preis von allem dazu zu fallen. Das bremst die Investitionstätigkeit und die Welt endet in einem Gleichgewicht aus schwacher Nachfrage, schwachen Investitionen und schwachen Profiten. Genau wie in der frühen 30ern führt ein solches Umfeld zu Fremdenfeindlichkeit, einem rassistischen Populismus und Zentrifugalkräften, die die Institutionen zerreißen, die einst der ganze Stolz des globalen Establishments waren. Schauen Sie sich nur an, was aus der Europäischen Union oder aus dem TTIP-Freihandelsabkommen geworden ist." ...


Thousands of refugees from El Salvador, Honduras and Guatemala are fleeing - while hundreds of children are murdered in the streets -

...fleeing deadly gang violence, and the region still suffers from some of the highest rates of violence in the world. As the US continues to face a growing migration crisis along its border with Mexico, some refugees tell their stories     video link the guardian 4. August 2016

As huge numbers of Syrian and African refugees risk their lives crossing the Mediterranean Sea to escape war-torn states, advocates say a parallel refugee crisis has unfolded on America’s doorstep amid an undeclared but increasingly brutal war between criminal groups and security forces.

An estimated 80,000 people from El Salvador, Guatemala and Honduras, mostly families and unaccompanied children, are expected to apply for asylum overseas this year – a 658% increase since 2011, according to the UN refugee agency (UNHCR). Tens of thousands more will be forcibly displaced, but not seek international help.

During the 1980s, the three countries known as the northern triangle were blighted by vicious civil wars between US-backed military dictatorships and leftist guerrilla groups. But even after ceasefires were agreed, peace never came to the region as unresolved inequalities and amnesties which let war criminals escape justice fuelled a new wave of violence and corruption.

This toxic mix of warring gangs and corrupt security forces is driving one of the world’s least visible refugee crises, Amnesty International will say in a new report on Friday.


Die Krisenländer hatten sich vor allem in Deutschland und in Frankreich verschuldet. Der Eurorettungsschirm wurde nicht etwa aufgespannt, um Griechenland zu retten – sondern um das Überleben der deutschen Banken zu sichern.

Ulrike Herrmann, Auszüge aus TAZ vom 30.10.2016: "Deutsche Überschüsse kann es nur geben, wenn andere Staaten mehr importieren als exportieren. Die Bürger und Firmen dieser Defizitländer können sich ihre Einkaufstouren in Deutschland aber nur leisten, weil sie dafür Kredite aufnehmen. Diese Darlehen stammen direkt oder indirekt von den deutschen Banken, denn sie ertrinken in Geld. Schließlich sammeln sich bei ihnen all die Erlöse, die die deutschen Exportunternehmen im Ausland erzielen." ...

"Auch der gesamte deutsche Bankensektor war pleite [in der Krise 2007/8]– obwohl es in Deutschland gar keine Immobilienblase gegeben hatte. Das war weltweit außergewöhnlich. Wieso aber waren fast alle deutschen Banken in diesen Crash involviert, der sich doch eigentlich im Ausland abspielte? Das wird in Deutschland seltsamerweise fast nie gefragt. Stattdessen wird es allein der „Dummheit“ oder der „Gier“ der Banker zugeschrieben, dass sie toxische Ramschpapiere in den USA erwarben, zu viele internationale Schiffskredite vergaben oder marode irische Banken aufkauften. Zwar besteht kein Zweifel, dass viele Banker nur an ihre Boni denken. Aber jenseits dieser individuellen Verfehlungen gibt es auch einen strukturellen Grund, warum die deutschen Banken garantiert Geld verlieren: Die deutschen Exportüberschüsse sind nur möglich, wenn man permanent Kredite ans Ausland gewährt."


Weltweit skandalöse Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen

Wie eine Oxfam-Studie (download unten) erläutert, sind die wesentlichen „Gründe für die zunehmende Konzentration und Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen die hohen Renditen, die durch Kapitalanlagen erzielt werden und der geringe Lohnzuwachs bei Angestellten und Arbeiter/innen.“

 

In fast allen reichen Ländern und in den meisten Entwicklungsländern ist der Anteil des Nationaleinkommens, das an Arbeiter/innen und Angestellte geht, zurückgegangen.

 

Dies bedeutet, dass die Mehrheit der Gesellschaft immer weniger von den durch wirtschaftliches Wachstum erzielten Wohlstandsgewinnen profitiert.

 

Demgegenüber konnten Kapitalbesitzer/innen ihr Vermögen stetig vermehren, zum Beispiel durch Zinseinnahmen oder Dividenden, mit Steigerungen, die über den Wachstumsraten des Bruttonationaleinkommens lagen. Dazu beigetragen haben auch Steuervermeidung und die Senkung von Steuern auf Kapitalgewinn.“

 

Link zum Download der Oxfam Studie (Jan 2016)  "Wirtschaftsystem für die Superreichen-Wie ein unfaires Steuersystem und Steueroasen die soziale Ungleichheit verschärfen."