Vortrag v. Marie-Luise Conen: Systeme beeinflussen – in der Jugendhilfe

Kritischer Beitrag auf dem Jugendhilfefachtag der DGSF am 9.5.2016 in Köln  

(Download unten)

Inhalt:
1. Systemiker – auf der Flucht vor den Realitäten
2. Systemiker – kein Konzept der politischen Einmischung
3. Im eigenen Stall ...
4. Der Blick nach vorn ...

 

Auszüge: ... "Sozialarbeiter und Sozialpädagogen haben sich von ihrem Berufsverständnis ausgehend immer verstanden als Anwälte ihrer Klienten und deren Interessen. Sie erleben direkt, was die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten 20 Jahre bei den Familien bewirkt haben. Sie sehen
die Auswirkungen auf die von Armut Betroffenen und sie können die Zusammenhänge
beschreiben, die zu den sozialen Verwerfungen führen.

 

Eigentlich brennen, die die in der Sozialen Arbeit und vor allem in der Jugendhilfe tätig sind
für ihre Arbeit mit Klienten. Sie sind meist mit Leib und Seele in diesen Beruf gegangen,
engagieren sich für ihre Klienten... Aber für viele, viele von den Kollegen stimmen seit
längerem nicht mehr die Rahmenbedingungen, sie laufen den eigenen Intentionen entgegen,
sie, die Bedingungen, erschweren immer mehr ein gelingendes Arbeiten mit den Klienten."

[...]

"Die Psychotherapeutisierung von Sozialer Arbeit lässt die soziale Dimension der
Klientenprobleme außen vor, trägt zu einer ahistorischen Betrachtung von Lebensverläufen
und Schicksalen bei und erweist sich als Teil der Entpolitisierungsbestrebungen der Politik.
Ich selbst habe mit der Aufsuchenden Familientherapie in der Jugendhilfe bedauerlicherweise
erheblich dazu beigetragen. Ich war ein Teil dieser Psychotherapeutisierung. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass auch Sozialpädagogen und Sozialarbeiter Aufsuchende
Familientherapie durchführen können.

 

Dies geschah nicht um nach Freiberuflichkeit strebenden Sozialpädagogen eine Möglichkeit der Finanzierung ihres Lebensunterhaltes zu schaffen. Dies tat ich, weil die umfangreiche „Kontextorientierung“ qua Profession von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen (im Unterschied zu Psychologen) für mich unabdingbare Voraussetzung war und ist, eine gute Aufsuchende Familienarbeit zu gewährleisten. Dies war eine Fehleinschätzung, stattdessen tummeln sich nicht wenige in diesem Bereich herum, die „Kontext“ weder denken noch einbeziehen, noch dessen Relevanz vermeintlich verstanden haben. Es ist für mich – als „Begründerin“ dieses Arbeitsansatzes – schwer aushaltbar, was aus der Aufsuchenden Familientherapie gemacht wurde, wie sehr vielfach die Grundideen von Aufsuchender Familientherapie nicht verstanden oder ignoriert werden."

[...]

 

2. Systemiker – kein Konzept der politischen Einmischung

 

Der Mangel an politischem Verständnis nicht nur von Sozialer Arbeit, sondern auch von
Psychotherapie, ist gewollt und entspricht den Entwicklungen, die in der Politik allgemein
„gesetzt“ werden.

 

Es herrscht ja derzeit eine große Stille in unserem Land. Die schon vorher alle überforderten,
an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geratenen Mitarbeiter in der Sozialen Arbeit und
insbesondere in der Jugendhilfe, bekamen jüngst mit dem Hochschnellen der
Flüchtlingszahlen noch mehr aufgebuckelt. Und keiner wehrte sich gegen die weiteren
Arbeitsbelastungen, kaum einer forderte Geld...

 

Humanität kostet Geld und nicht nur Peanuts. Ich finde es ja nett, dass die DGSF zu dem
Thema „Flüchtlinge“ Stellung beziehen will, aber warum um Gottes Namen, wird in einer
entsprechenden Stellungnahme darin kein Geld gefordert? Warum gibt es keinen Passus
darüber, dass für eine gute Integrationsarbeit Geld fließen muss – kann man Herrn Schäubles
Finanzpolitik nicht kritisieren, denkt man in diesem Verband gar nicht in der Dimension
„Finanzen“? Eine meines Erachtens wichtige Kontext-Dimension!

 

Die auch in diesem Problemfeld zu beobachtenden sozialmanagerialisierten
„Bewältingsstrategien“ zeigen deutlich, dass die wirklichen Dimensionen von Integration
weder in der Politik, noch bei den Sozialmanagern verstanden wurden – und wo bleiben wir
mit unseren Stimmen dazu? Wenn ich weiß, dass es heute weiterhin noch lange Wartelisten
für Therapien für Traumatisierte des Balkankrieges gibt, wie kann ich dann nicht auf die
Finanzen verweisen...?

 

In den Analysen zu den Entwicklungen in der Sozialen Arbeit und insbesondere in der
Jugendhilfe fällt mir eines immer wieder ganz deutlich auf. Eine Verhaltenheit, eine
Zurückhaltung bei den Systemikern, die dem „Gegenstand“ der Arbeit nur wenig gerecht
wird. Täglich wird mit den Folgen der zunehmenden sozialen Verelendung gearbeitet – aber
was fehlt bei vielen?: die Empörung über genau dies. Empörung! und Leidenschaft genau dies
ändern zu wollen.

 

Ich weiß nicht, was da an den Fachhochschulen läuft, dass dieses anfänglich doch bei vielen
Studierenden vorhandene Feuer rasch auf Sparflamme reduziert wird und ihr Enthusiasmus
immer mehr auf der Strecke bleibt – wozu im späteren Berufsverlauf ja bekanntlich vielfach
die Rahmenbedingungen beitragen.

 

Warum interessieren sich so viele für systemisches Denken, für systemisches Arbeiten? Was
spricht sie da an? Es ist doch diese radikale Zuwendung hin zu den Klienten, es ist diese
Orientierung daran, dass es Menschen ermöglicht wird, ihre eigenen Potenziale zu sehen und
positivere Entwicklungen zu gehen, warum sich etliche vom systemischen Denken
angesprochen sehen. Als ich die Arbeit von Salvador Minuchin kennenlernte, war es das was
mich ansprach, sein Engagement für die, denen in dieser Gesellschaft nur ein Platz am Rande
vorgesehen ist – und er uns voller Leidenschaft Wege aufgezeigt hat, wie man „Multiproblemfamilien“ helfen kann (und es ist mindestens heftig, dass viele Weiterbildungsabsolventen inzwischen noch nicht einmal seinen Namen zu kennen
scheinen....!).

 

Was ich bei Salvador Minuchin gelernt habe, ist, dass unser Herz, unser Engagement uns die
Ressourcen von Klienten sehen lässt, es traut ihnen zu, was sie für sich zunächst nur erahnen
können. Unsere Grundhaltung erwärmt diese Klienten für andere Vorstellungen von sich
selbst, lässt sie mit uns gemeinsam eine schwierige Reise in ihre eigene Welt beginnen und in
allen Stürmen der Zweifel, der Ängste und der Nicht-Erfolge auf eine gelingendere
Gestaltung ihrer Zukunft zugehen (Conen).

 

Es ist ja kein Zufall, dass die strukturelle Familientherapie mit ihrer Klarheit, mit ihrer
Stringenz und ihrer Bereitschaft, Position zu ergreifen, unter einer Reihe von Systemikern
damals und heute keine Begeisterung auslöste. Zu direkt, zu klar und zu fordernd für manche,
die sich eher in einer Konsensideologie sonnen wollen.

 

Leidenschaft und Systemiker sein, das scheint sich für viele Systemiker gegenseitig
auszuschließen. Sich leidenschaftlich in einen Kampf um Zuerkennung von sozialen und
politischen Rechten und Ressourcen hineinzubegeben, scheint in seiner Identitätsstiftung auch
für Systemiker nicht verstanden zu werden. Heinz Bude (2014) meint dazu, dass ein
politischer Kampf immer auch ein Kampf um Identifikation ist.

 

Ich frage mich, ob es für die heutigen Systemiker vielleicht ideologisch unmöglich geworden
ist, sich kraftvoll und enthusiastisch für die Sache, für die Klienten, gegen Unrecht und
Machtmissbrauch zu positionieren. Dieser Mangel scheint in eine politische Kraftlosigkeit,
um nicht zu sagen Zahnlosigkeit zu münden und auch die eigenen beruflichen, fachlichen
Belange zu schädigen. Dies führt zur Verleugnung von Macht und politischer Einflussnahme
seitens der „normalen“ Mitglieder in den systemischen Verbänden oder zur Nutzung dieses
Machtvakuums durch die Machteliten der Verbände – ohne Transparenz und Offenheit – für
ihre (eben auch inzwischen parteipolitischen) Interessen. Bereits 1987 schrieben Fritz Simon
u. Gunther Schmidt, dass „zirkuläres Denken, das kein Konzept für Machtstrukturen hat,
zwangsläufig selbst machtlos bleiben (wird)“ (S. 174).

 

Ist es ein Zufall, dass Systemiker kein theoretisches Konzept haben zur Einbeziehung von
politischen Dimensionen, die die Klienten (und uns) prägen?
Kommt es den Systemikern, die scheinbar nicht unter den Verhältnissen in dieser Gesellschaft
leiden, vielleicht gerade zu pass, dass sie einen Arbeitsansatz gewählt haben, der vielen die
Ideologie vermittelt: „Wer will, sich anstrengt und genug Ressourcen bei sich aktiviert, der
schafft „alles“. Der schafft es!“

 

War es wirklich Intention der „Ersttheoretiker“ (wie u. a. Heinz von Foerster) von vornherein,
einen Ansatz in die Welt zu setzen, der das „Anything goes“ und die „Jeder kann es
schaffen“-Ideologie in den Vordergrund stellte?

...

In einer „frühsystemischen“ Zeit (Stichwort: 1968) war die Befähigung zur Kritik, zur Eigenständigkeit und zur Erkenntnis politischer Zusammenhänge ein Ziel auch von Psychotherapie. Sie war ein Vehikel für eine politische Gestaltungsbefähigung und Emanzipationsbefähigung. Sie erforderte in hohem Maße das Erkunden des Eigenen, d. h. Selbstreflexion." ...

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