Studiengänge für akademisch qualifizierte Soziale Arbeit ausbauen

Gewerkschaften und Interessenvertretungen der Beschäftigten, sowie Selbsthilfeorganisationen der Betroffenen selbst, setzen sich dafür ein, das qualifizierte Personal in den jeweiligen sozialen Arbeitskontexten zu erhöhen, damit Soziale Arbeit für und mit den Menschen verantwortungsvoll, in der erforderlichen Qualität und gesundheitserhaltend ausgeführt werden kann.

 

Öffentliche und freie Träger suchen verzweifelt ausgebildete Fachkräfte, die als Folge von jahrelangem Abbau von Studienkapazitäten (Halbierung der Studienanfänger an der Hochschule Bremen) und  Schließung von Studiengängen an der Universität Bremen (Sozialpädagogik 2003 und Behindertenpädagogik 2007) kaum mehr auf dem "Arbeitsmarkt" zu finden sind.

 

Die schlechtere Entlohnung in Bremen (TVL oder Anlehnung daran) gegenüber den niedersächsischen Umland (TVÖD oder Anlehnung daran) lässt qualifiziertes Personal abwandern. Vor diesem Hintergrund erodiert das Fachkräftegebot (§72 SGB VIII) und es werden immer mehr Fachfremde und Unterqualifizierte zu miserablen Löhnen eingestellt.

 

Was besagt eigentlich das Fachkräftegebot genau? Welche Institutionen haben dazu aus guten Grund welche Festlegungen getroffen und wer hält sich eigentlich noch daran ? Und wann spricht man von einem Fachkräftemangel? Wie ist das Berufsbild des/r Sozialarbeiters*in/Sozialpädagogen*in historisch entstanden und welche guten Gründe gab und gibt es bis heute dafür ?

 

Wo sind aktuell entfesselte kapitalistische „Marktkräfte“ dabei, wichtige qualitative Standards zu schleifen ? Wo liegt die Gefahr, wenn - von transnationalen Lobbygruppen getrieben - Schutzregelungen und Standards erodieren ? Meist kommen solche Bestrebungen mit einer modernen Semantik daher und fordern die Überwindung  alter, als „bürokratisch“ diffamierter, Zöpfe. Gerne wird auch auf die "europäischen" Wettbewerbsregeln (die Regeln der Großkonzerne in Europa oder CETA-Verträge) gepocht. Wird nun auch der Sozialbereich "europäisch" vermarktet ?

 

An der Hochschule Bremen wurde auf Betreiben der Landesregierung ab 2016 neben dem bestehenden Studiengang Soziale Arbeit ein "Dualer Studiengang" Soziale Arbeit mit 15 Plätzen eingerichtet.  Dual heißt dabei nach dem aktuellen Kenntnisstand: Beschäftigt als Beamtenanwärter*innen/ Inspektorenanwärter bei der Stadt mit einem entsprechenden Einkommen, zum Studium abgeordnet an die Hochschule; neben dem normalen Studium regelmäßige Praxisblöcke in der vorlesungsfreien Zeit bei der Stadt, wahrscheinlich vor allem im Amt für Soziale Dienste. Und nach dem Studium per Vertrag gebunden an den Anstellungsträger (Finanzsenatorin).

 

Der richtige Weg wäre: Normale Studienplätze deutlich ausbauen und die Arbeitskonditionen (besonders die Höhe und Einstufungen bei der Entlohnung) so attraktiv gestalten, dass Hochschulabgänger*innen sich gerne hier in Bremen (auch bei der Sozialbehörde) um eine Anstellung bemühen.


Der Mangel an Fachkräften in der Sozialen Arbeit erfordert Antworten: 

  • ein Studium Soziale Arbeit, welches mit seiner Qualität, Ausstattung und Personalpolitik geeignet ist, sozialarbeiterische Fachkräfte heranzubilden. Das ist an vielen Hochschulen leider nicht selbstverständlich, u.a. als Folge von Bachelorisierung, Modularisierung und fehlenden originären Studienkonzepten. Statt der heutigen personellen und inhaltlichen Dominanz von BezugswissenschaftlerInnen (Psychologen, Juristen, BetriebswirtschaftlerInnen) müsste viel eindeutiger auf einen originären Sozialarbeitskontext gesetzt werden. Oftmals sind Sozialarbeit-Studiengänge eine Aneinanderreihung von nicht auf Soziale Arbeit bezogenen Einzelmodulen. Studierende können ein Lied davon singen. Sie mühen sich individuell ab, den fehlenden Zusammenhang selbst herzustellen; mit unterschiedlichem Erfolg oder Frust.
  • ausreichend viele unbefristete Hochschullehrer*innen Stellen, um das umsetzen zu können.
  • stabil und abgesichert eine deutliche Erhöhung der Zahl der Studienplätze.
  • Studiengänge für akademisch qualifizierte Pädagogik an der Uni reetablieren.
  • berufsbegleitende Angebote für Quereinsteiger, die zu einem gleichwertigen Abschluss führen.
  • Einrichtung eines Masters in Bremen (lange gefordert - immer in die Zukunft vertröstet).

Die Fraktion Die Linke hat am 04.03.2016 einen Dringlichkeitsantrag an die Bremer Bürgerschaft formuliert: Studiengänge für akademisch qualifizierte Soziale Arbeit und Pädagogik ausbauen. Schändlich das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten von SPD/Grünen in der Bürgerschaft (Landtag) am 20. April 2016. Der Antrag wurde abgelehnt, obwohl der Fachkräftebedarf offensichtlich und dringlich ist.

 

Dieser SPD/Grüne Bürgerschafts-Beschluss vom 26.05.2016 zu Möglichkeiten zum Seiteneinstieg  (Soziale Arbeit mit Flüchtlingen) öffnet der Erosion des Fachkräftegebots Tür und Tor:

 

"Die Bürgerschaft (Landtag) fordert den Senat auf, zur Sicherung des gestiegenen Personalbedarfs im Flüchtlingsbereich, a) die Verwaltung dazu anzuhalten, den nach dem Fachkräfteangebot gegebenen Spielraum voll auszuschöpfen. b) die Möglichkeiten zum Seiteneinstieg im Bereich Kindertagesstätten, Schulen sowie sozialpädagogische Unterstützung und Betreuung konsequent auszubauen. c) auch das fachliche Potenzial von Flüchtlingen und anderen Menschen mit ausländischen Abschlüssen voll auszuschöpfen und im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten verstärkt Anerkennungen und Teilanerkennungen von Abschlüssen vorzunehmen. d) die notwendigen Ausbildungskapazitäten zu schaffen. Der Bürgerschaft (Landtag) ist binnen drei Monaten zu berichten." 

 

Der unter d. angehängte Satz: "die notwendigen Ausbildungskapazitäten zu schaffen" fördert in diesem Kontext ("Spielraum voll ausschöpfen") faktisch Schmalspurweiterbildungen von wenigen Wochen oder Monaten. Leider ist dieses traurige Spiel bereits in der Umsetzung in Kooperation mit einigen Weiterbildungsträgern: z.B. die von der ComFair GmbH auch in Bremen angebotene sog. "duale Weiterbildung" zum "Sozialberater/in für Migration und Flüchtlingshilfe (IHK)" mit "Zertifikat der Oldenburgischen IHK oder Handelskammer Bremen", nach einem 6-monatigen Lehrgang und anschließender 6-monatiger sog. "arbeitsplatzbezogener Qualifizierung", also nix anderes als schlecht bis gar nicht bezahlte Praktika. Die ComFair GmbH verkündet auf ihrer WEB-Seite stolz über ihre verschiedenen Sozialberater/in-Ausbildungen, "sich am tatsächlichen Bedarf von Arbeitsmarkt und Unternehmen [zu] orientieren".

 

SPD/Grüne lehnten in der gleichen Bürgerschaftssitzung vom 26.05.2016 diesen sehr vernünftigen Änderungsantrag der Linken ab: "... die notwendigen Möglichkeiten und Kapazitäten zur berufsbegleitenden, abschlussorientierten Qualifizierung zu schaffen, damit aus dem Seiteneinstieg auch eine dauerhafte Beschäftigung mit der entsprechenden formalen Qualifikation und Entlohnung entsteht." 


Studiengangskooperation mit der Bundeswehr an der Hochschule Bremen führt die selbst beschlossene Zivilklausel ad absurdum !

Die Fraktion DIE LINKE hat folgende Kleine Anfrage an den Senat gerichtet (Auszug):


„Das Land Bremen hat eine gesetzliche Zivilklausel, die in § 4 des Hochschulgesetzes vorschreibt:
„Die Hochschulen verfolgen in Forschung, Lehre und Studium ausschließlich friedliche Zwecke. Die den Hochschulen vom Land und von Dritten zur Verfügung gestellten Mittel sollen ausschließlich für Vorhaben verwendet werden, die diesen Zwecken dienen.“


Die Hochschule Bremen gab sich am 12. Juni 2012 ebenfalls eine Zivilklausel:
„Studium, Lehre und Forschung an der Hochschule Bremen dienen ausschließlich friedlichen Zwecken. Der Akademische Senat lehnt die Beteiligung von Wissenschaft und Forschung an Projekten mit militärischer Nutzung bzw. Zielsetzung ab und fordert die Mitglieder der Hochschule auf, derartige Forschungsthemen und -mittel abzulehnen.“


Die Bundeswehr verfolgt definitiv keine „ausschließlich friedlichen Zwecke“ und kann im Rahmen der Gesetzeslage kein geeigneter Kooperationspartner sein. Trotzdem haben Hochschulleitung und Bundeswehr am 3. Mai 2016 einen Kooperationsvertrag geschlossen, der die Ausbildung von Armeeangehörigen im dualen Internationalen Frauenstudiengang Informatik (IFI) vorsieht. Zum Wintersemester 2016/2017 begannen die ersten Bundeswehrauszubildenden an der Hochschule ihr Studium. Die an der Hochschule ausgebildeten Bundeswehr-Informatikerinnen sollen nach Angaben des BMVg später in den Bereichen internationale Rüstungskooperation, Beschaffung von Rüstungsgütern, Informationstechnik und wehrtechnischer Entwicklung eingesetzt werden.

 

Die Kooperation mit der Armee stieß auf breite Kritik von Studierenden und Lehrenden, von Gewerkschaften und Friedensbewegung. Ein Rechtsgutachten der Kanzlei Dr. Hoppe & Coll. vom 6. November 2016 besagt außerdem, dass der Bundeswehrstudiengang nicht mit dem Bremischen Hochschulgesetz und der Zivilklausel der Hochschule Bremen vereinbar ist (http://dr-bernd-hoppe.de/wp-content/uploads/2016/11/Gutachten-Zivilklausel-Bremen.pdf)." 

 

Nach Justizsenator Martin Günthner (SPD) bezieht im Februar 2017 auch der Bremer Senat Stellung. Obwohl sich die Bundeswehr im Rahmen der NATO mit ihren zum Teil nicht von der UNO getragenen Kriegseinsätzen im Ausland faktisch längst außerhalb der verfassungsmäßigen Bindung an Deutschlands Verteidigung bewegt und sich an völkerrechtlich fragwürdigen  Interventionen gegen andere souveräne Staaten beteiligt wird in der Senatsantwort auf die angeblich "friedenssichernde" Rolle der Bundeswehr verwiesen und mit diesem Argument die von der Universität und Hochschule selbst beschlossene "ZIVILKLAUSEL" ad absurdum geführt. Der ASTA der Uni und der Hochschule Bremen, der Beirat Neustadt und viele andere kritisieren seit Längerem nicht nur dies sondern auch die Kooperation der Hochschule mit Bremer Rüstungsfirmen wie Atlas Elektronik, Airbus Defence & Space und Rheinmetall Defence Electronics.