Studiengänge für akademisch qualifizierte Soziale Arbeit ausbauen

Gewerkschaften und Interessenvertretungen der Beschäftigten, sowie Selbsthilfeorganisationen der Betroffenen selbst, setzen sich dafür ein, das qualifizierte Personal in den jeweiligen sozialen Arbeitskontexten zu erhöhen, damit Soziale Arbeit für und mit den Menschen verantwortungsvoll, in der erforderlichen Qualität und gesundheitserhaltend ausgeführt werden kann.

 

Öffentliche und freie Träger suchen verzweifelt ausgebildete Fachkräfte, die als Folge von jahrelangem Abbau von Studienkapazitäten (Halbierung der Studienanfänger an der Hochschule Bremen) und  Schließung von Studiengängen an der Universität Bremen (Sozialpädagogik 2003 und Behindertenpädagogik 2007) kaum mehr auf dem "Arbeitsmarkt" zu finden sind.

 

Die schlechtere Entlohnung in Bremen (TVL oder Anlehnung daran) gegenüber den niedersächsischen Umland (TVÖD oder Anlehnung daran) lässt qualifiziertes Personal abwandern. Vor diesem Hintergrund erodiert das Fachkräftegebot (§72 SGB VIII) und es werden immer mehr Fachfremde und Unterqualifizierte zu miserablen Löhnen eingestellt.

 

Was besagt eigentlich das Fachkräftegebot genau? Welche Institutionen haben dazu aus guten Grund welche Festlegungen getroffen und wer hält sich eigentlich noch daran ? Und wann spricht man von einem Fachkräftemangel? Wie ist das Berufsbild des/r Sozialarbeiters*in/Sozialpädagogen*in historisch entstanden und welche guten Gründe gab und gibt es bis heute dafür ?

 

Wo sind aktuell entfesselte kapitalistische „Marktkräfte“ dabei, wichtige qualitative Standards zu schleifen ? Wo liegt die Gefahr, wenn - von transnationalen Lobbygruppen getrieben - Schutzregelungen und Standards erodieren ? Meist kommen solche Bestrebungen mit einer modernen Semantik daher und fordern die Überwindung  alter, als „bürokratisch“ diffamierter, Zöpfe. Gerne wird auch auf die "europäischen" Wettbewerbsregeln (die Regeln der Großkonzerne in Europa oder CETA-Verträge) gepocht. Wird nun auch der Sozialbereich "europäisch" vermarktet ?

 

An der Hochschule Bremen wurde auf Betreiben der Landesregierung ab 2016 neben dem bestehenden Studiengang Soziale Arbeit ein "Dualer Studiengang" Soziale Arbeit mit 15 Plätzen eingerichtet.  Dual heißt dabei nach dem aktuellen Kenntnisstand: Beschäftigt als Beamtenanwärter*innen/ Inspektorenanwärter bei der Stadt mit einem entsprechenden Einkommen, zum Studium abgeordnet an die Hochschule; neben dem normalen Studium regelmäßige Praxisblöcke in der vorlesungsfreien Zeit bei der Stadt, wahrscheinlich vor allem im Amt für Soziale Dienste. Und nach dem Studium per Vertrag gebunden an den Anstellungsträger (Finanzsenatorin).

 

Der richtige Weg wäre: Normale Studienplätze deutlich ausbauen und die Arbeitskonditionen (besonders die Höhe und Einstufungen bei der Entlohnung) so attraktiv gestalten, dass Hochschulabgänger*innen sich gerne hier in Bremen (auch bei der Sozialbehörde) um eine Anstellung bemühen.


Der Mangel an Fachkräften in der Sozialen Arbeit erfordert Antworten: 

  • ein Studium Soziale Arbeit, welches mit seiner Qualität, Ausstattung und Personalpolitik geeignet ist, sozialarbeiterische Fachkräfte heranzubilden. Das ist an vielen Hochschulen leider nicht selbstverständlich, u.a. als Folge von Bachelorisierung, Modularisierung und fehlenden originären Studienkonzepten. Statt der heutigen personellen und inhaltlichen Dominanz von BezugswissenschaftlerInnen (Psychologen, Juristen, BetriebswirtschaftlerInnen) müsste viel eindeutiger auf einen originären Sozialarbeitskontext gesetzt werden. Oftmals sind Sozialarbeit-Studiengänge eine Aneinanderreihung von nicht auf Soziale Arbeit bezogenen Einzelmodulen. Studierende können ein Lied davon singen. Sie mühen sich individuell ab, den fehlenden Zusammenhang selbst herzustellen; mit unterschiedlichem Erfolg oder Frust.
  • ausreichend viele unbefristete Hochschullehrer*innen Stellen, um das umsetzen zu können.
  • stabil und abgesichert eine deutliche Erhöhung der Zahl der Studienplätze.
  • Studiengänge für akademisch qualifizierte Pädagogik an der Uni reetablieren.
  • berufsbegleitende Angebote für Quereinsteiger, die zu einem gleichwertigen Abschluss führen.
  • Einrichtung eines Masters in Bremen (lange gefordert - immer in die Zukunft vertröstet).

Die Fraktion Die Linke hat am 04.03.2016 einen Dringlichkeitsantrag an die Bremer Bürgerschaft formuliert: Studiengänge für akademisch qualifizierte Soziale Arbeit und Pädagogik ausbauen. Schändlich das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten von SPD/Grünen in der Bürgerschaft (Landtag) am 20. April 2016. Der Antrag wurde abgelehnt, obwohl der Fachkräftebedarf offensichtlich und dringlich ist.

 

Dieser SPD/Grüne Bürgerschafts-Beschluss vom 26.05.2016 zu Möglichkeiten zum Seiteneinstieg  (Soziale Arbeit mit Flüchtlingen) öffnet der Erosion des Fachkräftegebots Tür und Tor:

 

"Die Bürgerschaft (Landtag) fordert den Senat auf, zur Sicherung des gestiegenen Personalbedarfs im Flüchtlingsbereich, a) die Verwaltung dazu anzuhalten, den nach dem Fachkräfteangebot gegebenen Spielraum voll auszuschöpfen. b) die Möglichkeiten zum Seiteneinstieg im Bereich Kindertagesstätten, Schulen sowie sozialpädagogische Unterstützung und Betreuung konsequent auszubauen. c) auch das fachliche Potenzial von Flüchtlingen und anderen Menschen mit ausländischen Abschlüssen voll auszuschöpfen und im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten verstärkt Anerkennungen und Teilanerkennungen von Abschlüssen vorzunehmen. d) die notwendigen Ausbildungskapazitäten zu schaffen. Der Bürgerschaft (Landtag) ist binnen drei Monaten zu berichten." 

 

Der unter d. angehängte Satz: "die notwendigen Ausbildungskapazitäten zu schaffen" fördert in diesem Kontext ("Spielraum voll ausschöpfen") faktisch Schmalspurweiterbildungen von wenigen Wochen oder Monaten. Leider ist dieses traurige Spiel bereits in der Umsetzung in Kooperation mit einigen Weiterbildungsträgern: z.B. die von der ComFair GmbH auch in Bremen angebotene sog. "duale Weiterbildung" zum "Sozialberater/in für Migration und Flüchtlingshilfe (IHK)" mit "Zertifikat der Oldenburgischen IHK oder Handelskammer Bremen", nach einem 6-monatigen Lehrgang und anschließender 6-monatiger sog. "arbeitsplatzbezogener Qualifizierung", also nix anderes als schlecht bis gar nicht bezahlte Praktika. Die ComFair GmbH verkündet auf ihrer WEB-Seite stolz über ihre verschiedenen Sozialberater/in-Ausbildungen, "sich am tatsächlichen Bedarf von Arbeitsmarkt und Unternehmen [zu] orientieren".

 

SPD/Grüne lehnten in der gleichen Bürgerschaftssitzung vom 26.05.2016 diesen sehr vernünftigen Änderungsantrag der Linken ab: "... die notwendigen Möglichkeiten und Kapazitäten zur berufsbegleitenden, abschlussorientierten Qualifizierung zu schaffen, damit aus dem Seiteneinstieg auch eine dauerhafte Beschäftigung mit der entsprechenden formalen Qualifikation und Entlohnung entsteht." 


Studiengangskooperation mit der Bundeswehr an der Hochschule Bremen führt die selbst beschlossene Zivilklausel ad absurdum !

„Das Land Bremen hat eine gesetzliche Zivilklausel, die in § 4 des Hochschulgesetzes vorschreibt:
„Die Hochschulen verfolgen in Forschung, Lehre und Studium ausschließlich friedliche Zwecke. Die den Hochschulen vom Land und von Dritten zur Verfügung gestellten Mittel sollen ausschließlich für Vorhaben verwendet werden, die diesen Zwecken dienen.“ (Auszüge aus Kleine Anfrage der Linken an den Senat)


Die Hochschule Bremen gab sich am 12. Juni 2012 eine Zivilklausel:
„Studium, Lehre und Forschung an der Hochschule Bremen dienen ausschließlich friedlichen Zwecken. Der Akademische Senat lehnt die Beteiligung von Wissenschaft und Forschung an Projekten mit militärischer Nutzung bzw. Zielsetzung ab und fordert die Mitglieder der Hochschule auf, derartige Forschungsthemen und -mittel abzulehnen.“


Die Bundeswehr verfolgt definitiv keine „ausschließlich friedlichen Zwecke“ und kann im Rahmen der Gesetzeslage kein geeigneter Kooperationspartner sein. Trotzdem haben Hochschulleitung und Bundeswehr am 3. Mai 2016 einen Kooperationsvertrag geschlossen, der die Ausbildung von Armeeangehörigen im dualen Internationalen Frauenstudiengang Informatik (IFI) vorsieht. Zum Wintersemester 2016/2017 begannen die ersten Bundeswehrauszubildenden an der Hochschule ihr Studium. Die an der Hochschule ausgebildeten Bundeswehr-Informatikerinnen sollen nach Angaben des BMVg später in den Bereichen internationale Rüstungskooperation, Beschaffung von Rüstungsgütern, Informationstechnik und wehrtechnischer Entwicklung eingesetzt werden.

 

Die Kooperation mit der Armee stieß auf breite Kritik von Studierenden und Lehrenden, von Gewerkschaften und Friedensbewegung. Ein Rechtsgutachten der Kanzlei Dr. Hoppe & Coll. vom 6. November 2016 besagt außerdem, dass der Bundeswehrstudiengang nicht mit dem Bremischen Hochschulgesetz und der Zivilklausel der Hochschule Bremen vereinbar ist (http://dr-bernd-hoppe.de/wp-content/uploads/2016/11/Gutachten-Zivilklausel-Bremen.pdf)." (Ende Auszüge Anfrage)

 

Nach Justizsenator Martin Günthner (SPD) bezieht im Februar 2017 auch der Bremer Senat Stellung. Obwohl sich die Bundeswehr im Rahmen der NATO mit ihren zum Teil nicht von der UNO getragenen Kriegseinsätzen im Ausland faktisch längst außerhalb der verfassungsmäßigen Bindung an Deutschlands Verteidigung bewegt und sich an völkerrechtlich fragwürdigen  Interventionen gegen andere souveräne Staaten beteiligt wird in der Senatsantwort auf die angeblich "friedenssichernde" Rolle der Bundeswehr verwiesen und mit diesem Argument die von der Universität und Hochschule selbst beschlossene "ZIVILKLAUSEL" ad absurdum geführt. Der ASTA der Uni und der Hochschule Bremen, der Beirat Neustadt und viele andere kritisieren seit Längerem nicht nur dies sondern auch die Kooperation der Hochschule mit Bremer Rüstungsfirmen wie Atlas Elektronik, Airbus Defence & Space und Rheinmetall Defence Electronics.


Art. 5 Grundgesetz (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. ...

Referat von Wolfgang Lieb mit dem Titel: "Funktionale Privatisierung staatlicher Aufgaben - am Beispiel öffentlicher Hochschulen" auf der gemeinsam von der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, dem BdWi dem Bildungs- und Förderungswerk der GEW im DGB e.V., dem DGB Brandenburg und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) veranstalteten Tagung „Öffentlich vor privat – Die Zukunft der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge“ am 19.9.2015 in Berlin.


Über "dienstherreneigene" oder "duale" Studiengänge Soziale Arbeit

Nicht die naheliegendste Lösung, nämlich die lange geforderte deutliche Anhebung der Kapazitäten im Studiengang Soziale Arbeit (z.B. statt 120 wieder 400 Studienanfängerplätze wie früher und/oder die Reetablierung erziehungswissenschaftlicher Studiengänge an der Universität) und eine deutliche Verbesserung der Arbeitskonditionen im Arbeitsfeld wird aktuell in Bremen und Hamburg angesteuert, sondern ein "dualer" oder "dienstherreneigener Studiengang" mit langfristiger "Bindung an den Arbeitgeber".

Der von der bremischen Landesregierung, seinem Finanzressort (Staatsekretär Lühr, SPD) und dessen Aus- und Fortbildungszentrum (AFZ), mit erheblichem politischem Druck als "Lösung" für die Personalnot herbeigeführte "Studiengang Soziale Arbeit Dual (B.A.)" lief mit vorerst 15 Plätzen im Herbst 2016 an.

 

In dem Leitfaden dazu heißt es einleitend:


„Insbesondere auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit zeichnete sich in den letzten Jahren ab, dass der Bedarf an Nachwuchskräften durch die bisherigen Strategien zur Personalgewinnung nicht hinreichend gedeckt werden konnten. Durch die Einrichtung des Studienganges Soziale Arbeit Dual (B.A.) soll eine frühzeitige Bindung der Studierenden an den Arbeitgeber Freie Hansestadt Bremen erreicht werden." (Vorwort Leitfaden).

Die gewünschte "Bindung" wird mit einer Kombination aus Zuckerbrot und Peitsche herbeigeführt, d.h. es gibt mehr Geld, aber wer das Studium abbricht oder die nachfolgende 5-jährige Arbeitsverpflichtung nicht einhält bekommt es mit erheblichen Rückforderungen der Hansestadt Bremen zu tun.

 

"Für die gesamte Dauer des Studiums werden die Studierenden in ein Beamtenverhältnis auf
Widerruf bei der Freien Hansestadt Bremen eingestellt. Die Ernennung erfolgt als Sozialinspektoranwärterin bzw. Sozialinspektoranwärter.
Zudem erhalten die Studierenden auf der Grundlage des Bremischen Besoldungsgesetzes
monatlich sogenannte Anwärterbezüge ... [zur Zeit über 1100,- Euro Brutto, d.V.]
Die Anwärter_innenbezüge werden mit der Auflage gewährt, dass
• die Ausbildung nicht vor Ablauf der in den Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften
oder im Einzelfall festgelegten Ausbildungszeit aus einem von der_dem Studierenden zu
vertretenden Grunde endet und
• die_der Studierende im Anschluss an die Ausbildung nicht vor Ablauf einer Dienstzeit
von mindestens fünf Jahren aus einem von ihr_ihm zu vertretenden Grunde aus dem
öffentlichen Dienst ausscheidet. Eine Nichterfüllung dieser Auflagen hat die Rückforderung
eines Teiles des Bruttobetrages der Anwärter_innenbezüge zur Folge. (S. 20)


Die bremische Verwaltungsseite behält das ganze Auswahlverfahren zur Sicherung der beabsichtigten Bindung voll in ihrer Hand, der Studiengang Soziale Arbeit der Hochschule scheint hier keine Rolle mehr zu spielen:


"Das Auswahlverfahren besteht aus einer Vorauswahl, in der das AFZ die Hochschulzugangsberechtigung prüft, einem schriftlichen Eignungstest und einem mündlichen Teil der Eignungsfeststellung. Im schriftlichen Eignungstest liegt der Fokus auf der Arbeitseffizienz, der Verarbeitungskapazität, der Rechtschreibkompetenz sowie auf verschiedenen Themenschwerpunkten aus dem Bereich des Allgemeinwissens. Es handelt sich um einen Präsenztest, der in den Räumlichkeiten des AFZ durchgeführt wird.
Der eintägige mündliche Teil der Eignungsfeststellung besteht aus einer Gruppenaufgabe, in
der die Bewerber_innen in Interaktion mit Mitbewerber_innen treten müssen, einem Rollenspiel
und einem daran anschließenden Interview. Ein besonderes Augenmerk bei der
Auswahl der Studierenden liegt auf der Sozialen Kompetenz sowie der Berufsmotivation." (S. 19)

 

Die Ausbildung wird auf der WEB-Seite des Aus- und Fortbildungszentrums der Hansestadt Bremen unter der Überschrift "Ausbildung im bremischen öffentlichen Dienst - wie sieht das eigentlich aus?" folgendermaßen beworben:


"Im Referat "Berufliche Ausbildung und Praktika" des AFZ wird Ausbildung in zwei verschiedenen Schwerpunktbereichen organisiert:
Zum einen wird hier der Nachwuchs für die allgemeine Verwaltung ("Verwaltungsfachangestellte/-r" und "Verwaltungsinspektor/in / Duales Studium "Public Administation") und im Sektor der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit ("Sozialinspektor/in / "Soziale Arbeit Dual") ausgebildet. ..."


Auch auf die sog. "Einsatzorte am Lernort Praxis" behält sich das Aus- und Fortbildungszentrum der Hansestadt Bremen den letzen Zugriff vor, Studierende können Wünsche äußern, mehr nicht, die Hochschule hat nichts zu melden:


"Wie bereits ausgeführt, werden die Studierenden während des siebensemestrigen Studiums
während der TPV-Phasen einer Stammpraxisstelle zugeordnet. Hierfür kommen verschiedene
Einrichtungen des bremischen öffentlichen Dienstes in Frage. So ist ein Praxiseinsatz
beispielsweise in der Justizvollzugsanstalt, der Werkstatt Bremen, in der Jugendhilfe, im Bereich der Amtsvormundschaften, der Erziehungsberatungsstelle oder auch im ambulanten
Sozialdienst für junge Menschen möglich. Die Zuordnung zu den Stammpraxisstellen erfolgt durch das AFZ. Sofern möglich, werden hierbei die Interessen der Studierenden berücksichtigt."


Ein weiteres in dem deutschlandweiten Diskurs oft zu hörendes Argument für "dienstherreneigene Studiengänge", ist der unterstellte fehlende oder unzureichende Praxisbezug der bisherigen Hochschulausbildung. In dem schon oft zitierten Leitfaden heißt es dazu lapidar:

 

"Das Ziel des Studiums ist der Erwerb von Kompetenzen, um die beruflichen Aufgaben bewältigen
zu können...." (Punkt 5.2. auf Seite 25)


Die duale Studienordnung wimmelt nur so von "Praxisanteilen im Theorie-Praxis-Verbund (TPV)", „Entsendenden Dienststellen“ und „Praxisstellen“, dem "gezielten Praxiseinsatz im Sinne der Praxisaufträge". Und:


"Die entsendende Dienststelle kann die Ableistung der Praxis im Projektzusammenhang bei einer Praxisstelle ihres eigenen Verfügungsbereichs verlangen."


Die meist nicht belegte Kritik am unzureichenden Praxisbezug der generalistischen Ausbildung von Sozialarbeitern*innen wird seit über 40 Jahren deutschlandweit an der Hochschulausbildung geführt. Die Akteure (öffentliche und freie Träger) fordern ein, dass ein Studium die sofortigen notwendigen Kompetenzen für ein spezifisches Arbeitsfeld gewährleistend vermitteln soll. Studium bedeutet aber neben Wissensvermittlung, auch Persönlichkeitsbildung, die Fähigkeit zu entwickeln, sich in ein Arbeitsfeld einarbeiten und kritisch dessen Rahmenbedingungen mitgestalten zu können. Die Notwendigkeit einer Einarbeitung nach dem Studium wird in anderen Arbeitsfeldern als selbstverständlich akzeptiert und entsprechende Einarbeitungsformen werden ebenso offeriert wie fachspezifische Fort- und Weiterbildungen. Ein Studium kann nie lückenlos arbeitsfeldspezifische Kompetenzbedarfe vermitteln, zumal deren Verfallsdatum immer schnelllebiger wird.

 

Im nun gestarteten 7-semestrigen dualen Studiengang Soziale Arbeit an der Bremer Hochschule können sich die Studierenden das Anerkennungsjahr, welches alle anderen 120 Studierenden durchlaufen, "sparen", denn es wird in sog. Modulen "Praxis im Projektzusammenhang" zwischen dem 4. und 6. Semester als abgeleistet betrachtet:

 

"Die zu erbringende Praxis ist so geplant, dass sie, unter Berücksichtigung von Urlaubsansprüchen,
immer in der vorlesungsfreien Zeit bzw. während des 5.Semesters erbracht werden
kann, wobei dies zum größten Teil in einer Halbtagsstruktur geschehen kann, so dass es
auch in der vorlesungsfreien Zeit Möglichkeiten für die Erstellung von Prüfungsleistungen
und fachliches Selbststudium gibt."


Es zeichnet sich bereits ab, dass die gewünschte deutliche Schwerpunktsetzung für den nachfolgenden Einsatz "zum Beispiel in der Justizvollzugsanstalt, im Gesundheitsamt, bei Werkstatt Bremen, im Jugendamt des Amtes für Soziale Dienste oder in den Sozialzentrender Freien Hansestadt Bremen ..."  sich in weiteren (andere Studierende ausschließende) "Modulen mit spezifischen Themen" niederschlagen wird. Dies bedeutet eine Binnendifferenzierung, wenn nicht alle daran teilnehmen sollen und können. Die geöffnete Büchse der Pandora wird zwangsläufig in das bisherige generalistische Studium hineinwirken. Unter welchen Freiheiten und Prämissen werden z.B. die dual Studierenden ihr Thema der Bachelorthesis bestimmen können und die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten offensiv vertreten können, wenn sie hinterher eine 5-jährige Arbeitsverpflichtung bei ihrem vorbestimmten Arbeitgeber abarbeiten müssen ?

 

Es stellt sich auch die Frage, welche wissenschaftliche Disziplin längerfristig studiengangsorientierend sich durchsetzt, wäre es doch naheliegend für die Zwecke des Dienstherren, Rechts- und Verwaltungswissenschaft stärker zu betonen und die Fähigkeit zur Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Staatstätigkeit, bzw. die Analyse der Ursachen für die verschlechterten Lebensbedingungen der betroffenen Adressaten sozialer Arbeit geringer zu schätzen.

 

Sozialarbeiter/innen ergreifen mehrheitlich den Beruf, um Menschen in benachteiligten Lebenssituationen und Problemlagen zu unterstützen, zu beraten, zu begleiten - Einzelne, Familien, Gruppen - und sie haben den Anspruch, das soziale Umfeld der Adressat/innen mitzugestalten. Was wird aus diesem Gestaltungswunsch ?

 

Kein Studium kann für spezielle Arbeitsbereiche alle Wissensbereiche vermitteln, insofern ist es notwendig in der nachfolgenden Praxis Fort- und Weiterbildung anzubieten. Im dualen Studienbetrieb schält sich schon jetzt ein Zweiklassensystem (Ausbildungsvergütung, Anstellungszusage) unter den Studierenden heraus. Droht möglicherweise zudem durch die Hintertür die Wiedereinführung der Präsenzpflicht. Oder in der Konsequenz: Alle Studierenden müssen wieder mit Präsenzpflicht rechnen?!

 
Die Ausrichtung des BA-Studiums wurde in Studiengängen Soziale Arbeit (auch hier in Bremen) als generalistisches Studium verankert, weshalb es sowohl bei Studierenden wie auch bei Lehrenden in Bremen in 2015/2016 größeren Widerstand gegen die Einführung des Dualen B.A. an der Hochschule gab, die SPD/Grüne Landesregierung drückte das Vorhaben durch. Wir beobachten nun eine Zergliederung. In dieser Logik könnte jedes größere Arbeitsfeld die Forderung nach einem eigenen Studiengang erheben – Soziale Arbeit für Suchtkranke, Soziale Arbeit für ältere Menschen usw. ??


Wie den Dokumenten und Leitfäden zu entnehmen, hat sich das bremische duale Studierkonzept Soziale Arbeit von vorneherein für die Idee geöffnet, duale Studiengänge auch für andere Träger anzubieten. Das hat gravierende weitere Zergliederungen und Erosionen am bisherigen generalistischen Studium zur Folge.

 

In einem Weserkurierartikel vom 17.07.2017 (Seite 4 des Stadtteilkuriers Bremen Nordost) brüstet sich bereits ein Verwaltungsfachmann des Bremer Berufsbildungswerkes des Sozialverbandes:

 

"Allein für den Internats- und Freizeitbereich stehen mehr als 50 Sozialpädagogen als Reha-Manager zur Verfügung. Das ist einer der Gründe, weshalb es sich für das Berufsbildungswerk durchaus lohnt, in Zukunft einen dualen Studiengang für Sozialpädagogen anzubieten. Das berichtet Rüdiger Zoch, der in der Verwaltung den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation und Personal leitet. Der Verwaltungsfachmann ist erst seit zwei Jahren dabei, wollte aber schon immer gerne im sozialpädagogischen Bereich arbeiten."


 

 

 

Im Hamburg starteten Studierende der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg im Juni 2017 unten eingestellte online Petition gegen eine dualen Studiengang an ihrer Hochschule, wie es der Hamburger Senat plant. Die Petition erreichte 462 Unterstützer*innen, darunter auch 5 Lehrende. Zwischenerfolg am 17.7.2017: "Der Hochschule wird bis auf Weiteres kein Auftrag durch den [Hochschul]Senat erteilt, Kooperationsgespräche mit der Stadt Hamburg bzgl. eines dualen Studiengangs "Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst" zu führen."

 

Ablehnung eines dualen Studiengangs an der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg


EILPETITION MIT BLICK AUF DIE SONDERSITZUNG DES HOCHSCHULSENATS DER EV. HOCHSCHULE FÜR SOZIALE ARBEIT UND DIAKONIE HAMBURG IN DER LETZTEN JUNIWOCHE 2017


Die Stadt Hamburg möchte an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie (EHS) einen berufsqualifizierenden dualen Studiengang der Sozialen Arbeit einführen, der jährlich und exklusiv 50 bis 100 Studierende als Fachkräfte für eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst (öD) ausbildet. Grundlage des Vorhabens ist der Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen aus dem Jahr 2015, in dem es heißt: „Trotz Personalabbau ist die Stadt darauf angewiesen, qualifiziertes Fachpersonal für sich zu gewinnen und zu binden. […] [Hierfür] sind zentrale Strategien zur Anwerbung, Entwicklung und Bindung erforderlich. Dazu kann auch ein dienstherreneigener Studiengang ‚Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst‘ gehören. Die Studierenden sind […] bereits während des Studiums Beamtenanwärter und Beamtenanwärterinnen.“


Das Rektorat sowie ein Teil des Lehrkollegiums der EHS befürworten die offizielle Aufnahme von Verhandlungsgesprächen mit der Stadt, um einen dualen Studiengang an der EHS zu implementieren. Wir richten uns mit dieser Petition sowohl gegen die offizielle Aufnahme von Verhandlungsgesprächen als auch gegen eine mögliche Kooperation zwischen Stadt und EHS in obiger Sache. Wir fordern die Entscheidungsträger_innen der EHS auf, alle weiteren Kooperationserwägungen und -aktivitäten mit Blick auf einen dualen Studiengang „Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst“ oder vergleichsartige städtisch gekoppelte Kooperationsstudiengänge sofort zu beenden.


In der letzten Juniwoche 2017 findet eine Sondersitzung des Hochschulsenats statt, in der das Thema diskutiert werden soll. Diese Petition soll dem Senat dann vorgelegt werden.


Begründung:


Wir vermuten hinter der Neigung des Rektorats und eines Teils des EHS-Lehrkollegiums, sich u. U. auf eine Kooperation mit der Stadt einlassen zu wollen, primär wirtschaftliche Interessen und den Wunsch, das Profil der EHS durch einen werbefähigen Fachkontakt zur Stadt in der öffentlichen Wahrnehmung aufzuwerten. Wir hingegen sehen das spezifische Profil der Hochschule durch eine solche Kooperation in zweierlei Hinsicht gefährdet. Denn zum einen würde das evangelisch-diakonische Profil der EHS stark verwischt und relativiert; zum anderen würde durch eine ‚Anbindung‘ an die Stadt der Ruf der EHS als selbständig-kritisches Organ wissenschaftlichen Studierens und Forschens geschwächt. Da die EHS sich, was ihren Fortbestand betrifft, aktuell in keiner prekären Finanzierungssituation befindet, stellen wir das Argument der wissenschaftlichen Selbstbestimmung deutlich über die Argumente der Ökonomie und öffentlichen Werbung.


Neben dem im Koalitionsvertrag genannten Personalabbau gibt es einen zweiten wichtigen, von der Stadt nicht berücksichtigten Grund für den Personalmangel im Bereich der Sozialen Arbeit im öD. Dieser Grund ist das freiwillige Ausscheiden von Fachkräften wegen schlechter Arbeitsbedingungen, insbesondere des Fehlens zufriedenstellender Arbeitsmöglichkeiten im direkten Kontakt mit den Klient_innen. Offenbar sieht die Stadt keine Notwendigkeit, die Berufskontexte der Sozialen Arbeit im öD zu verbessern und so für Fachkräfte attraktiver zu machen. Stattdessen setzt sie eine Kompensationsstrategie an, die Studierende durch Laufbahnanreize (Beamtenstatus und -sicherheiten) ködern und die EHS hierfür instrumentalisieren will. Dieser Strategie und ihren Implikationen verweigern wir uns entschieden.

Wir sind der Überzeugung, dass die Stadt Hamburg nicht nur den praxisorientierten Teil des dualen Studiengangs selbst gestalten will, sondern beabsichtigt, auch das Studiencurriculum (weitest möglich) zu bestimmen und auf die Erfordernisse der Berufspraxis im öD hin zu reduzieren. Wir lehnen jede konkrete, mit der Einführung eines „dienstherreneigenen Studiengangs“ oder vergleichsartiger städtisch gekoppelter Kooperationsstudiengänge verbundene Einflussnahme der Stadt auf die Freiheit der Lehre und Forschung ab und sprechen uns, aus der o. g. Überzeugung, erneut für die weitest mögliche Selbstbestimmtheit der EHS in Lehre und Forschung aus.


Durch die Einführung eines dualen Studiengangs wird ein lehrtechnischer Kippeffekt erzeugt, der Studierende der Sozialen Arbeit aus dem wissenschaftlich-akademischen Studium hinaus- und in einen Ausbildungs-Studiengang mit deutlich erhöhtem Praxisanteil hineingleiten lässt. Wir stufen diesen Effekt als Verlust von Professionalität ein. Denn wir denken, dass Professionalität nur gewährleistet ist, wenn sie von den Studierenden in kritisch-reflexiven Denk- und Forschungsprozessen grundgelegt, entwickelt, gefestigt und auf die Praxis anwendbar gemacht wird. Demgemäß beschneidet ein dualer Studiengang die „Professionalisierung durch Akademisierung“ angehender Fachkräfte, anstatt sie zu fördern oder zumindest aufrechtzuhalten. Die Tatsache, dass die Studierenden des dualen Studiengangs ohne jegliche Berufserfahrung ins Studium starten würden, vertieft die Problematik der (un)zureichenden Professionalisierung nochmals.


Die Einführung eines dualen Studiengangs der Sozialen Arbeit, mit dem de facto dieselbe berufliche Qualifikation wie mit dem ‚herkömmlichen‘ Bachelorstudiengang erreicht werden kann, wertet den fachlichen und gesellschaftlichen Status des akademischen Bachelorabschlusses ab. Dies ist insofern besonders problematisch, als Fachkräfte und Wissenschaftler_innen der Sozialen Arbeit seit langer Zeit dafür kämpfen, dass ihre Profession als Wissenschaft anerkannt wird. Wir wollen nicht zulassen, dass die EHS in eine Ent-Akademisierung und damit einhergehende Inflation wissenschaftlichen Studierens, Forschens und Arbeitens an der EHS einlenkt.


Mit den berufsintegrierenden Studiengängen verfügt die EHS bereits über ausgeprägt praxisbezogene Studienangebote; und wir halten dieselben für hinreichend. Da sowieso ein struktureller Umbau der berufsintegrierenden Studiengänge geplant ist, spräche nichts dagegen, neben Wahlpflichtschwerpunkten wie „Kindheit“, „Inklusion“ oder „Flucht und Migration“ auch einen Schwerpunkt „Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst“ hinzuzufügen. Falls die Stadt unbedingt eine Kooperation mit der EHS und eine passgenauere Qualifizierung von Fachkräften für den öD will, könnte sie sich mit der EHS mit Blick auf die bestehenden berufsintegrierenden Studiengänge in diesbezügliche Gespräche begeben.


Wir positionieren uns gegen jede direkte Form finanzieller, studienorganisatorischer und -inhaltlicher Abhängigkeit eines EHS-Studiengangs vom städtischen Arbeitgeber. Durch meine Unterschrift bestätige ich, dass ich den Petitionsforderungen zustimme.


Im Namen aller Unterzeichner/innen.
Hamburg, 18.06.2017 (aktiv bis 24.06.2017)