Bremer Initiative Kritische Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen

Unsere Initiative eint die Vision einer gerechten Welt mit positiven Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle Menschen, mit einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt, wo die kreative Entfaltung kleiner Menschen, junger Menschen, Eltern, alter Menschen und ihrer Familien, im Geiste eines respektvollen und friedlichen Miteinanders in einem demokratischen Gemeinwesen gefördert wird.

 

Im Rahmen unserer (Sozial)Arbeit und (Sozial)Pädagogik mit Menschen sind wir demgegenüber vielfach konfrontiert mit den folgenden gravierenden Missständen:

  • Wachsende Armut und niedrigste Löhne, die zum Leben nicht reichen.
  • Sinkende Lohnersatz- bzw. Versicherungsleistungen für Arbeitslose, Kranke, Rentner*innen, Pflege benötigende und sinkende staatliche Versorgungsleistungen (Hartz IV, BAFöG u.a.), die ein würdevolles Leben zunehmend erschweren oder verunmöglichen und deren Bewilligung zunehmend verbunden wird mit entwürdigenden Aktivierungsanforderungen, als ob es an einem vermeintlich "faulen" oder selbstverschuldeten Verhalten läge, dass die Menschen in diese Lage geraten sind.
  • Fehlender bezahlbarer Wohnraum und Verdrängung von Menschen mit niedrigeren Einkommen in städtische Rand- oder Problemlagen mit unzureichenden KiTa-, Bildungs-, Freizeit-, Pflege- und Sozialangeboten und mangelhaften, schwer bezahlbaren Verkehrsanbindungen.
  • Zeitlich immer enger getaktete und stressige Arbeits- und Sorge-Verpflichtungen, die den Raum für solidarisches, mitmenschliches, kindgerechtes, behinderten- und altengerechtes Handeln immer mehr einschränkt; davon sind ganz besonders Frauen, besonders in Einelternhaushalten, betroffen.
  • Sinkende Erholungs- und Lebensqualität also Folge von zubetonnierten und asphaltierten Naturflächen, Schwimmbadschließungen, schrumpfenden Kinderspielflächen, Verkehrs-, Abgas- und Lärmbelastungen, sowie menschenunwürdiger, auf Business, Shopping und Profit ausgerichteter Stadtgestaltung.
  • Benachteiligung, Ausgrenzung und Ausschließung, bis hin zu Bestrafung gerade der Menschen, die besonders solidarischer Hilfe bedürften - aus einer Humankapital-Verwertungslogik, die voraussetzungslose Versorgung für unprofitabel u. unnütz hält.
  • Nicht zuletzt viel zu niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Sozial-Arbeitenden selbst.

Das soziale Klima ist erheblich rauher und gehässiger geworden, weil die Arbeits- und Lebensverhältnisse rauher gemacht worden sind, einige wenige superreiche Profiteure und Milliardäre in satten Parallelwelten leben können und die mit dieser Spaltung einhergehende, massenmedial verbreitete Ideologie, Menschen verleitet in Kategorien von Geld, Konkurrenz, Missgunst und dem Recht des Stärkeren oder schlimmstenfalls einer vermeintlich höherwertigeren Rasse zu denken.


Entscheidungsträger*innen in Politik, Sozialverwaltung, öffentlichen oder vermeintlich "freien" Trägern erleben wir oftmals als von Schuldenbremsen fiskalisch und gedanklich Gebremste, von eigennützigen und/oder trägererhaltenden Interessen Dominierte, sowie von unternehmerischer Marktkonkurrenz Getriebene.

  • Wir erleb(t)en, wie unter Mitwirkung des Sozialressorts in der Jugendberufshilfe seit 20 Jahren viele Berufsintegrations- und Ausbildungsprojekte abgebaut wurden und stattdessen eine billige, für junge Leute relativ wirkungslose (teilweise schädliche) "Jugendberufsagentur" hochgepuscht wurde, die in ihrer Programmatik ausdrücklich über "Synergieeffekte" Einsparungsabsichten verfolgt und keinerlei Ausbildungsplätze vorhält.
  • Wir erleb(t)en, wie unter Mitwirkung des Sozialressorts die niedrigschwelligen, sozialräumlichen Angebote der Häuser der Familie, der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Jugendverbandsarbeit, der Altenbegegnungstätten u.a. seit Jahrzehnten abgebaut wurden, bzw. ihre Refinanzierung stranguliert wurde mit der zynischen Begründung, es wären "freiwillige Leistungen"
  • Wir erleb(t)en, wie in der Kinder- und Jugendhilfe seit Jahren in besorgniserregendem Umfang die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auf Initiative von Jugendamt oder freien Trägern mit staatlichem Zwang aus ihren Familien herausgenommen werden, angestiegen ist: Inobhutnahmen, familiengerichtliche Verfahren gegen Eltern, Sorgerechtsentzüge und Heimunterbringungen. Ernsthafte Anstrengungen, die Rückkehr dieser Kinder in ihre Familien, dort wo es geboten wäre, mit der gleichen Vehemenz zu betreiben, sind kaum erkennbar. Heimunterbringungen finden in einem erschreckend hohem Ausmaß (ca. 2/3) außerhalb Bremens statt, angeblich alle zum "Wohle der Kinder" und notwendiger "Milieutrennung"?
  • Wir erleb(t)en, wie in der Kinder- und Jugendhilfe konfrontative (pseudopädagogische) Konzepte zur Anwendung kamen, (teil)geschlossene Heimunterbringungen wieder hoffähig gemacht wurden und in Deutschland die Zahl der in geschlossenen Einrichtungen Beschäftigten deutlich ansteigt.
  • Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, was die Qualität in den Kindertagestätten und den Schulen betrifft; in der Alten-, Behinderten- und Krankenpflege, wo profitorientierte Großkonzerne sich nach staatlicher Deregulierung ungehemmt austoben dürfen auf dem Rücken der Betroffenen und der Familien. Sie ließe sich fortsetzen in den Psychiatrien, wo kostensenkende Fallpauschalen eingeführt wurden, ambulante sozialpsychiatrische Dienste als "zu teuer" abgeschafft wurden und ein marginalisiertes Ersatzangebot an kooperationsbereite "freie" Träger vergeben wurde.

Wir erleben, wie in erheblichem Umfang die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit, die darin beruflich Tätigen und die Studiengänge, in denen sie auf den Beruf vorbereitet werden, ohne wesentliche Infragestellung des zugrundeliegenden Systems, geschweige denn seine öffentliche Brandmarkung, auf subtile Weise zu Mittätern*innen bei den oben genannten Entwicklungen werden und sich dabei auch noch makabrerweise als "Kitt DIESER Gesellschaft"(1) definieren.

 

Ist diese real existierende etwa eine anstrebenswerte Gesellschaft? Wir wollen uns nicht darauf reduzieren lassen, der "Kitt" einer zutiefst gespaltenen und ungerechten Gesellschaft zu sein? Kritische Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagogen*innen wollen politische  und sozioökonomische Entwicklungen rückgängig machen bzw. vermeiden, die problemverursachend oder -verschärfend sind; sie eint neben solidarischer Hilfe und Unterstützung die Vision einer gerechten Welt.


Bremen, September 2018


(1) Zitat der Bremer Sozialsenatorin auf die Frage, was sie unter Sozialer Arbeit verstehe, in einem Video-Interview anlässlich der "Nacht der Sozialen Arbeit" in Bremen 2018, gepostet auf der Facebook-Seite des Bremer Bündnis Soziale Arbeit (Hervorhebung in Fett und Groß, d.V.)


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