Was nützt Bremer Familien die "Weiterentwicklung des Jugendamtes" ?

Seit 2011 betreibt die SPD und die Grünen (für das Sozialressort verantwortlich) in Bremen die sogenannte „Weiterentwicklung des Jugendamts“. Ginge die Entwicklung in eine unterstützenswerte Richtung, wäre das ja OK, aber daran gibt es Zweifel: Der Bremer Finanzfachmann und (ab 2015) Staatssekretär  im grünen Sozialressort Jan Fries gab im Jugendhilfeausschuss am 4.8.2016 unumwunden zu, dass "zentrale Zielsetzungen der Reform [gemeint ist die SGB VIII Novellierung]... bereits Bestandteile des Projekts „Weiterentwicklung des Jugendamts“ ["JUWe" in Bremen seien]. - "Zentrale Zielsetzungen" der im Bundestag im Juni 2017 aus Mangel an fachlicher Fundiertheit kläglich gescheiterten Novellierung sind in Bremen seit Jahren bereits "Bestandteil" .... ?

 

Die real praktizierten fall- und kostenrelevanten Zuschreibungen im Bremer Jugendamt stehen unter austeritätspolitischem Druck und geraten immer häufiger in  Widerspruch zur aktuellen Gesetzeslage im SGB VIII. Die Exekutive rennt so der Legislative voran; in einem demokratischen Rechtsstaat ist das sehr bedenklich. Das Land Hamburg hat bei den maßgeblich von Sozial-Staatsrat Jan Pörksen (ehemals ein Bremer SPD-Finanzfachmann) vorangetriebenen sozialräumlichen Umsteuerungen im Bereich der Hilfen zur Erziehung (HzE) gravierende Rechtsbeugung begangen und hat deshalb vor dem Verwaltungsgericht eine krachende Niederlage erlitten. Die Taz berichtete am 13.03.2016. Die Stadt Hamburg wurde u.a. verurteilt, folgendes zu unterlassen: Die Delegierung individueller Hilfen zur Erziehung (mit Rechtsanspruch nach §27 ff SGB VIII) an regionale Trägerkonsortien in pauschalierter und budgetierter Form.

 

Für Austeritätspolitiker*innen ist das "Lüttringhaus-Institut" (gegründet von der aus Essen stammenden Grünen-Politikerin Maria Lüttringhaus) attraktiv, bewirbt sie ihre Firmenangebote doch mit den Worten: "Qualitätssicherung in der Jugendhilfe – trotz knapper Kassen: Grundlagen des Fortbildungskonzepts sozialraumorientierter Jugendhilfe" (Evangelische Jugendhilfe, 84. Jg , Heft 2, April 2007).

 

Nun feiert die Bremer Jugendamtsleitung im Bericht an den Jugendhilfeausschuss vom 20.06.2017 die  "Erfolge" des "JuWe"-Prozesses, die sich in weniger kostenrelevanten Fällen zeigten.

 

Ob es den Kindern, Jugendlichen und Eltern nach der organisationellen Umsteuerung nun besser geht, scheint für die Definition von "Qualität" unerheblich und bleibt darin und in dem Controllingbericht irrelevant. - Der Anteil von Schülern*innen mit einem festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich sozial-emotionaler Entwicklung stieg im Land Bremen z.B. in den Jahren 2012-2017 um jeweils 10 % pro Jahr, also um mehr als 50% .(Quelle: Bremer Senat 2017)

 

Die bremenweite, umfassende Bedarfsermittlung (Jugendhilfeplanung Pflicht laut § 80 SGB VIII) und Berichterstattung (Pflicht jede Legislaturperiode) wird seit Jahrzehnten in Bremen ignoriert, bzw. 2001 auf "Familienbildung" und im längst überfälligen "Jugendbericht" auf offene Jugendarbeit verengt, beides wichtige aber nichtsdestotrotz relativ kleine Bereiche des gesamten Spektrums der Kinder- und Jugendhilfe, zu der übrigens auch die Kindertagesbetreuung gehört.

 

Nach den "Prof. Wolff-Fortbildungen des Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung" zum Kinderschutz "nach Kevin" (2007-2010) entschied sich das Sozialressort für die "Lüttringhaus-Fortbildungen" im Bremer Jugendamt. Fälle werden nach dem "Lüttringhaus-Konzept" in verschiedene "Schubladen" vorsortiert mit der Gefahr einer Spaltung zwischen Präventions- und Interventionshandeln auf der Basis fragwürdiger Normierungen, die einer austeritätspolitischen Vorgabe folgen: 

 

"Nach Lüttringhaus gibt es einen "Leistungsbereich" (kein Kinderschutz und damit freiwillige Zusammenarbeit der Familie mit dem Jugendamt), einen "Graubereich" und einen "Gefährdungsbereich" (beides Kinderschutz und damit keine Freiwilligkeit). Unterschieden wird im Jugendamt auch zwischen "Beratungsfall" und "Kostenfall". Neu ist, dass nun im Casemanagement intensiver mit den Familien gearbeitet wird (werden soll) und dadurch Fälle zum Teil länger Beratungsfälle bleiben." (So ein Kenner der Fortbildungen in einer Zuschrift an unser Bündnis)

 

Die hier erkennbare "austeritätspolitische Denke" des "Controlling Jugendamt Weiterentwickeln" lässt sich gut an einem Satz im letzten Controllingbericht vom 11.05.2017 nachlesen. Darin wird auf S.7 der "Anteil Folgehilfen bei Beratungen" aufgeführt: Das waren 43,1% (in 2014), 41,7% (in 2015) und 43,7% (in 2016). In Klardeutsch: 43,7% der im Jugendamt 2016 aufgelaufenen/nachgefragten neuen "Beratungsfälle" (Familien/Kinder, die Hilfe brauchen) wurden nach der Beratung durch eine(n) Casemanager(in) CM zu einem "Kostenfall" (was ja möglichst abgebaut werden soll). Und wie kann es die Fachkraft schaffen, diesen Kostenfall zu verhindern, denn je besser er/sie das schafft, desto erfolgreicher wird ihre Arbeit definiert ?

 

Die Lüttringhaus-Fortbildungen schulen die Kollegen*innen im Jugendamt dahingehend, z.B. den "erklärten Willen der Klienten" genauer zu prüfen und nur dann "Kostenfälle" zu bewilligen, wenn der "Wille" klar (vom CM) diagnostiziert wurde. Diagnostiziert der/die CM einen "beliebig geäußerten Wunsch", der vielleicht auch noch ohne eigene Aktivierung sich einstellen soll, geht die Familie/Kind leer aus. Die Hilfeanfrage der Familien /Kinder wird freundlich zurückgewiesen, im höflichsten Fall mit vielen guten Wünschen für die weitere Zukunft, bzw. bis das Kind/die Familie so auffällig wird, dass es kein "freiwilliger Fall" mehr ist, sondern sich daraus in der Zwischenzeit (mangels Unterstützung) ein "unfreiwilliger" "Grau-" oder "Gefährdungsfall" entwickelt hat und dann wird im "Zwangskontext" gearbeitet, die Familie muss bei Androhung einer außerfamilialen Fremdunterbringung "kooperieren".

 

In der Erläuterung der Controller*innen wird diese Erfolgskategorie dann klar definiert: "Die abgebildete Zahl „Anteil Folgehilfen bei Beratungen“ gibt den Anteil der kostenrelevanten Folgehilfen gemessen an allen Neufällen „Beratungen“ im entsprechenden Jahr an. Je geringer dieser prozentuale Anteil ist, desto erfolgreicher verlaufen die Beratungen des Casemanagements. Im Basisjahr 2014 haben 43,1% der Beratungen zu Folgehilfen geführt."

 

Wir haben also hier eine per Controlling peinlich genau nachverfolgte Kennzahl jedes(r) Kollegen*in im Jugendamt, an der der (finanzpolitische) "Erfolg" seiner/ihrer Sozialarbeit gemessen wird. Wie es der Familie geht, taucht als Erfolgskriterium hier nicht auf, das wäre nämlich Fragen wie: Geht es dem Kind und seiner Familie dauerhaft besser ? Konnte das Familiensystem (nach den max 3-4 Beratungen und das meist noch im Büro im Jugendamt) belastbare Veränderungen auch vor dem Hintergrund schwieriger sozioökonomischer Rahmenbedingungen und unzulänglicher sozialräumlicher Angebote herbeiführen ? All das steht in erheblichem Kontrast zu einigen Kernforderungen des § 1 des SGB VIII: Darin heißt es (Auszüge):

 

"Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. ... Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts ...insbesondere ... junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen [und] ... dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen."

 

Die Gegenargumente sind bekannt, verlieren sich aber stets im Postulat ohne Umsetzung mangels Zeit und Geld: Es gäbe ja die "fallunspezifische" Arbeit im "Sozialraum". Schöne empirisch nicht nachweisbare Welt !

 

Im Modellprojekt ESPQ 2010-2014 (s.u.) und den parallel laufenden Bremer Fortbildungen im Jugendamt theoretisch durchaus unterstützenswerte Rückbesinnungen auf ein personell/fachlich gut aufgestelltes Jugendamt mit mehr Erziehungsberatung, mehr Stadtteilarbeit, Stärkung der Häuser der Familie, mehr Vorklärung, mehr Fortbildung, mehr Supervision, Entlastung von Verwaltungsaufgaben, sind angesichts knapper Kassen, unzureichender (teilweise auch abgebauter) Angebote im sog. "Sozialraum" konzeptioneller Mängel und des Personalmangels als Folge zu niedriger Löhne und hoher Fallzahlen arg gefährdet.

 

Verdopplung der Kündigungen im Bremer Jugendamt 2015 bis 2016 gegen den Bundestrend:

Etliche Bremer Sozialzentren mussten die personalbedingte Reduzierung ihres Angebots auf sog. "Kinderschutzaufgaben" öffentlich deklarieren; auch genannt: "Aufgabenpriorisierung" oder

"Anzeigen über Leistungseinschränkungen".  Bei Hilfeplanverlängerungen, Beratungsgesprächen oder Trennungs- und Scheidungsberatungen u.a. werden deutliche
Quelle: IKO Vergleichsring bis 2016, vorgelegt im JHA Bremen am 7.9.2017          Abstriche gemacht. Eigentlich ein Staatsversagen. Die offensichtliche Not wurde in der Bürgerschaft debattiert. Und im Jugendhilfeausschuss wird der Leiter des Jugendamtes regelmäßig (zuletzt im Sept. 2017) befragt, wann denn die "Leistungseinschränkungen" ein Ende finden könnten.

 

Das Ergebnis der zitierten "verbesserten Eingangsdiagnostik" im JUWE-Prozess könnte zudem nichts Geringeres beinhalten, als dass der administrative und definitorische "Tunnel", den ambulante Familienhilfen bis zu einer Bewilligung passieren müssen, immer mehr verengt wird.

Nur so lassen sich auch die sinkenden Fallzahlen erklären, nur: Was dem finanziellen "Konsolidierungspfad" der Bremer Landesregierung (also knallhate Austeritätspolitik) nützt, muss noch lange nicht den Bremer Familien und  ihren Kindern nützen, im Gegenteil s.u..

 

Solche strukturellen Bewilligungshürden widersprechen dem Geist des Kinder- und Jugendhilfegesetzes von 1990, das den proaktiven und präventiven Einsatz für die Bedarfe von Kindern/Familien und für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen vorsieht und sich in einem partizipativen, tripolaren Handlungsrahmen bewegt, das die Adressaten als Subjekte und nicht als Objekte staatlicher Fürsorge betrachtet; sowie die "freien Träger" als Kooperationspartner in diesem Dreiecksverhältnis bewußt als wichtige Akteure einbezieht.

Die Adressaten (Eltern, Säuglinge, Kinder, Jugendliche) haben innerhalb dieser "Fall im Feld" Ideologie immer weniger zu melden, trotz Rechtsanspruch im SGB VIII, wo eine Unterscheidung zwischen dem angeblich "beliebigen Wunsch" einer Familie/der Kinder  und dem neuerdings verlangten ausdrücklichen und erklärten "Willen" (siehe Thomas Olk, Tina Wiesner) aus guten Gründen nicht zu finden ist. Olk und Wiesner bleiben auch die Beantwortung der Frage schuldig, wie z.B. ein 1-jähriges Kind den erklärten Willen artikulieren soll.


Immer weniger Hilfen zur Erziehung werden geplant beendet, immer mehr ungeplant beendet - nicht gerade ein Ausdruck wachsender Prozessqualität der pädagogischen Arbeit (in Bremen besonders):


Zunehmende Eingriffs- und Kontrollorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe

Emer. Prof. Timm Kunstreich (Rauhes Haus Hamburg) bemängelt zudem die Folgen der zunehmenden Eingriffs- und Kontrollorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe: "...Es gibt eine Überregelung. Selbst wenn sich Sozialarbeiter daran halten wollen, ist das nicht einfach, weil es sehr viel und kompliziert ist. Ein anderes Problem ist, dass neben der ganzen Reglementierung oft gar nicht berücksichtigt wird, was Kinder und Familien wirklich wollen. [...] durch die Kontrollorientierung werden Familien häufig in die Isolation geführt. Statt der starken Kontrollen sollte es lieber mehr Gespräche geben. Heute melden sich nur noch wenige Familien mit Problemen selbst bei den Jugendämtern und anderen Einrichtungen, weil sie Angst haben, dass ihnen die Kinder weggenommen werden."

Die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Bremen lag 2013 fast 4x höher als der Bundesdurchschnitt (aktuellere Zahlen sind nicht veröffentlicht). In Hamburg hat sich die Zahl der Eltern, die ihr Sorgerecht verlieren, seit 2011 verdreifacht. Besonders in einkommensarmen Vierteln ? Die TAZ Hamburg vom 15.09.2017 berichtet. Die Hamburger Enquetekommission „Kinderschutz und Kinderrechte weiter stärken“ wird sich weiter mit dem Jugendhilfekurs in Hamburg beschäftigen müssen, denn es gibt den Verdacht, dass die Verdreifachung der Sorgerechtsentzüge und die deutliche Ausweitung der Heimerziehung (in der Anzahl und in der Dauer) aus einem "Angsthandeln" der immer mehr unter Druck (politisch und bürokratisch) geratenen Beschäftigten in den Jugendämtern resultiert.

Die Hamburger Linksfraktion hat in einer Anfrage genauer nachgehakt und plant weitere Anfragen zu der steigenden Repressivität in der Jugendhilfe und möglicher Armutsfaktoren in bestimmten Vierteln, wo den Kindern und Familien nicht geholfen wird, wie es unsere Verfassung (Artikel 6, Absatz 2), das SGB VIII und die UN-Kinderechtskonvention vorsieht. Die Linksfraktion hat in der Hamburger Bürgerschaft einen Antrag eingebracht, um gegen Armut vorzugehen, mehr Erziehungsberatung und Ausbau von Familienzentren zu fördern, aber der Antrag wurde von SPD und Grünen abgelehnt.

 

Vor der Gefahr eines immer mehr auf "Fremdmeldungen" "reagierenden" Jugendamtes, welches freiwillige Hilfenachfrage strukturell zurückdrängt, warnte emer. Prof. Dr. Reinhart Wolff (s.o.) in seinen im Bremer Jugendamt "nach Kevin" unter bewusster Einbeziehung der Kollegen*innen der freien Träger durchgeführten Fortbildungen "Kinderschutz in der Demokratie – Herausforderungen, Chancen, neue Wege". In einer von ihm präsentierten Folie heißt es:

 

"[Solch ein fehlentwickeltes Jugendamt] ... mobilisiert Fremdmeldungen, anstatt die freiwillige Hilfenachfrage zu ermutigen, zu stützen und attraktiv zu machen. [Das Jugendamt]... wird auf diese Weise selbst zu einer unfreiwilligen, reaktiven Organisation, die sich mit Fremdsichten konfrontiert sieht, die die eigenen Bobachtungs- und Entscheidungsmöglichkeiten schnell überlagern, nicht zuletzt, weil sie häufig verbunden werden mit einer bedrängenden Aufgabendelegation von anderen Einrichtungen (des Bildungs- und Gesundheitswesens oder auch der Justiz), denen man statusmäßig unterlegen zu sein glaubt."  (Präsentation s.o. von Prof. Wolff im Rahmen der Bremer Fortbildungen)

 

Prominente Kritikerinnen wie emer. Prof. Mechthild Seithe und  Marie Luise Conen aus Berlin (Systemische Familientherapie Ausbildungen) halten auch die längerfristige Zunahme der stationären Unterbringungen (also Herausnahme aus der Familie) von Kindern als Folge verfehlter Zuschreibungen zukünftig für absehbar, wenn weiter (qualitativ hochwertige) ambulante Familienhilfen und präventive niedrigschwellige Angebote abgebaut und zunehmend verwiesen wird auf angeblich Wunder wirkende "Gruppenarbeit", ominöse "sozialräumliche Ressourcen" und "Regeleinrichtungen" wie KiTas und Ganztagsschulen (alles in Bremen chronisch unterfinanziert).


Angebliche Ausweitung sozialräumlicher Arbeit durch Angebotsreduzierungen? - Wo rein organisationelle Änderungen hinführen.

In den "Eckwerten" des Sozialressorts für die Jahre 2018/19 sind nur einprozentige Steigerungen für die sog. "Jugendarbeit" vorgesehen, womit der (inflationsbereinigte) reale Kurs der Angebotsreduzierungen sich weiter fortsetzt. Die Tariflöhne und die Energiekosten steigen definitiv über 1% hinaus.


"Die risikogefährdete Kinderschutzorganisation mobilisiert Fremdmeldungen, anstatt die freiwillige Hilfenachfrage zu ermutigen, zu stützen und attraktiv zu machen."(Prof. Wolff, 2009)

"Eine expertokratische Eingriffs- und Überwachungstendenz bei gleichzeitigem Abbau der Unterstützungssysteme" (Prof. Wolff, 2009)

Der ab 2007 (nach "Kevin") bis 2009 mit heißer Nadel eingerichtete Bremer Kinder- und Jugendnotdienst KJND  mit "rund um die Uhr" Ruf- und Einsatzbereitschaft (Tel. 6991133) findet in seiner seit 2009 geschaffenen Struktur im Sozialressort und im Jugendhilfeausschuss nur lobende Worte.

  • Dass sich die sog. "Kindermeldungen" (verschriftlichte Meldung einer möglichen Kindeswohlgefährdung) 0-3-jährige Kinder betreffend in den letzten sechs Jahren fast verdoppelt haben, interessiert nicht ? Wieviele dieser 0-3-Jährigen wurden denn (nachts oder am WE ?) den Eltern weggenommen und "anderweitig untergebracht" ?
  • Dass sich die "Kindermeldungen" insgesamt fast verdreifacht haben (2011-16) und trotz Rückgang der umA-Zahlen auf einem hohem Niveau verharren, interessiert nicht ?
  • Dass die ganze KJND-Konstruktion die Gesundheit der Beschäftigten immer stärker belastet (massiver Anstieg von die ganze Nacht andauernden Ketteneinsätzen), interessiert nicht ?
  • Dass der Sozial-Datenschutz während der TAXI-Fahrten (von Dienstwagen und Büros kann das Sparsystem nur träumen) arg leidet, interessiert nicht ?

"Die risikogefährdete Kinderschutzorganisation ist aufgrund der in Mode gekommenen Kürzungen der Jugendhilfeetats, die das Leistungsangebot gefährden, in ihren Handlungsmöglichkeiten trotz gewachsenem Hilfebedarf eingeschränkt, was immer wieder zu Dauerbelastungen und Stress (mit der Folge eines Ausbrennens) führt, die von vielen Fachkräften - gerade der öffentlichen Jugendhilfe - kaum noch verkraftet werden können." (Prof. Wolff, 2009)

 

Früher war es so, dass zwischen 16:30 Uhr (im Jugendamt ist "Feierabend") und 8:00 morgens (bzw. am Wochenende) die Polizei mit ihren Dienstfahrzeugen im Rahmen der ohnehin vorgehaltenen Nachtdienste gerufen wurde, wenn ein nächtlicher Noteinsatz (manchmal auch Kinder betreffend) zwingend notwendig wurde. Über Jahrzehnte haben Bremer Polizisten*innen diesen Job gemacht und in Notfällen mit dem gelegentlich in Anspruch genommenen Kriseninterventionsdienst der Psychiatrie und den Inobhutnahmestellen gut kooperiert. Es ist also nicht so, wie von interessierter Seite lanciert, als hätte es nichts gegeben. Das verursachte aber hohe Kosten und bei zunehmend verknapptem Polizei-Personal und besonders dem Abbau vieler Polizeidienststellen und Kontaktpolizisten in den jeweiligen Ortsteilen entstand Veränderungsdruck. - Richtigerweise wurde zudem kritisiert, dass für solche Einsätze, in denen manchmal auch kurzfristig über eine vorübergehende Inobhutnahme von Kindern (bis zum nächsten Morgen) zur Abwendung einer akuten Kindeswohlgefährdung entschieden werden musste, das Jugendamt besser erreichbar sein müsste und sozialpädagogisch ausgebildete Fachkräfte hinzugezogen gehören.

 

Was machten nun Innen- und Sozialressort 2007 unter dem Diktat eines Haushaltsnotlagenlandes (als Folge einer reichenfreundlichen Steuerpolitik, die die Kommunen austrocknet) statt des Ausbaus der Bürger nahen "vor-Ort-Polizeidienststellen" und statt des Ausbaus der sozialräumlichen, niedrigschwelligen, präventiven und ambulanten Jugendhilfeangebote? Statt des Ausbaus der Krisendienste ? Statt der Einrichtung eines eigenständigen gut ausgestatteten Sonderdienstes im Jugendamt ?

Sie kreierten eine besonders billige Alternative, die die überlastete Polizei von bisherigen Aufgaben befreite und den Beschäftigten im Jugendamt und den Krisendiensten der freigemeinnützigen Träger der Jugendhilfe (beide kooperieren nun in alternierenden Zweiertandems) die ganze Last aufbürdete bei gleichzeitiger Einsparung der notwendigen Dienstfahrzeuge (machen jetzt Taxis), bzw. der Verwaltungs- und Bürokapazitäten. Und das Gesundheitsressort schaffte letztes Jahr sogar den KID (Kriseninterventionsdienst) des sozialpsychiatrischen Dienstes ab.

 

"Die risikogefährdete Kinderschutzorganisation ist in ihren Beobachtungen auf Außenbeobachtungen (z. B. die Familie oder Kinder) festgelegt und sieht sich selbst dabei nicht. Ohne Selbstbeobachtung / ohne reflexive Verwissenschaftlichung ihrer eigenen Praxis – wird sie als Organisation zu ihrem eigenen blinden Fleck." (Prof. Wolff, 2009)

 

Aber in Zeiten von Arbeitskräftemangel im sozialen Bereich können seit einigen Jahren Beschäftigte "mit den Füßen abstimmen". Was sie auch tun. Über die Schwierigkeit passendes Personal zu rekrutieren, das längerfristig bereit wäre, sich schlechtbezahlt, gesundheitsbelastend und risikobehaftet im KJND "die Nächte um die Ohren zu hauen" (die Fallzahlen und Aufgaben im normalen Tag-Dienst bleiben ja), wird aber nur hinter vorgehaltener Hand berichtet.

 

Im Bericht des Jugendamtsleiters vom 18.04.2017 an den JHA heißt es: "Kamen 2011 ca. 34 % (255) der Meldungen von der Polizei, so waren dies 2015 ca. 57% % (1248)."  Im Klartext bedeutet das oft: Die Polizei rief/ruft beim KJND an, damit zwei aus dem Schlaf geholte Sozialarbeiter*innen Aufgegriffene (eine(n) oder mehrere) mit dem Taxi in eine oftmals überforderte Noteinrichtung bringen. In 2015-2016 häuften sich die Fälle junger Geflohener umA, manchmal unter Drogeneinfluss, in einer nächtlichen Ausnahmesituation, teilweise mit hohem Eskalationsrisiko. Es gab natürlich auch vielfältige anders gelagerte Fälle, die hier nicht alle aufgezählt werden können.

 

Angeblich wären die beteiligten Fachkräfte nur "freiwillig" unterwegs, ein orwellscher Begriff für Arbeitsvertragsverpflichtungen und Neueinstellungen mit entsprechenden Klauseln und so niedrigen Einstiegsgehältern, dass viele "Freiwillige" nur mit den (ohnehin zu niedrigen) Nacht-Zuschlägen das (Familien)Einkommen sichern müssen.

 

"Die risikogefährdete Kinderschutzorganisation ... verfügt nicht oder nicht in ausreichendem Maße über die „insoweit erfahrenen Fachkräfte“ – wie sie nun nach § 8a SGB VIII verlangt werden." (Prof. Wolff, 2009)

 

Nicht dass all dies nicht dem Institut, welches ab 2009 mit einer Evaluation des Bremer KJND Modells beauftragt wurde, zur Kenntnis gebracht worden wäre, incl. damals schon sich abzeichnender Worst-Case-Zukunftsszenarien und großer Bedenken der beteiligten Praktiker*innen. Es spielte keine Rolle für das dann dem Jugendhilfeausschuss 2010 präsentierte (und vorher schon amtsintern beschlossene und so erwartete) Evaluations-Ergebnis: Verstetigung des kostengünstigen Modells, oder wie es im Protokoll des JHA vom 12.05.2009 hieß: "..unter den gegebenen finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen." In anderen Städten praktizierte und denkbare Modelle, wie ein "eigenständiger Sonderdienst innerhalb des AfSD",  einer "mit therapeutisch geschultem Personal ausgestatteten Clearingstelle" mit Dienstfahrzeugen usw. wurden von der Amtsleitung lange vor Ende der Evaluation kategorisch ausgeschlossen.

 

2013 wurde dann im JHA ein erster Rück- und Ausblick vorgelegt. Im Jugendhilfeausschuss vom 18.05.2017 wurde nun ein Zwischenbericht zur Entwicklung des KJND 2011-2016 vorgelegt. Nur eine kleine Auswahl der vorhandenen Daten (s.o.) wurde veröffentlicht, warum eigentlich ? Aus dem Protokoll ist nicht ersichtlich, dass es im JHA eine größere Debatte dazu gegeben hätte, nur die üblichen Floskeln: "Beteiligung / Abstimmung: Nicht erforderlich. Beschlussvorschlag: Der Jugendhilfeausschuss nimmt den vorgelegten Bericht zur Kenntnis."

 

"Wer in Risiken überlegt manövrieren will, muss sich darum auf eine ständige Reflexion kontextueller, situationeller und kommunikativer Prozesse einlassen." (Prof. Wolff, 2009)

 

Wie die oben abgebildete veröffentlichte Datenlage über die Einsätze des KJND 2011-2016 erkennen lässt, wäre dringlich zu debattieren,

  • wie es zu den Steigerungen insg. und besonders bei den "betroffenen Kinder von 0-3 Jahren" in sechs Jahren kommen konnte, warum die Kindesmeldungen auf dem hohen Niveau "verharren", in welchen Ortsteilen diese Einsätze vermehrt vorkamen, was diese Zunahme von Meldungen evtl. mit Kinderarmut, der Extrembelastung von Alleinerziehenden, unzureichenden Vorsorge- und Präventionsangeboten, Überlastung des normalen Tagbetriebes im Jugendamt (siehe "Anzeigen über Leistungseinschränkungen"), einer jugendamtsinternen Tendenz, Fallzahlen zu reduzieren und ambulante Hilfen runterzufahren, zu tun haben könnte.
  • wie sich die hohen Anteile an nächtlichen Inobhutnahmen nach nächtlichen Meldungen erklären lassen. Zwischen 37% bis 51% aller nächtlichen/und WE "Kindermeldungen" in den letzten 6 Jahren führten zu einer Inobhutnahme (bzw. "anderweitigen Unterbringungen"), im Jahr 2016 waren das 510 Bremer Kinder/Jugendliche. Eine ziemlich hohe (zu hohe) Zahl, denn nächtliches Krisen/Nothandeln mit all seinen Beschränkungen sollte nicht die Regel sondern die "Ultima Ratio" bleiben und tendenziell durch gute Tagesarbeit ersetzt werden.
  • und viele weitere Fragen ...

Im Bericht des Jugendamtsleiters stehen immerhin neben einigen eilig einberufenen ressortübergreifenden Konferenzen, "Umstrukturierungen" und adhoc Personalaufstockungen drei diskussionswürdige Hinweise:

  • "Gerade in Situationen, in denen Gruppen von umA aufgegriffen wurden und an den KJND übergeben werden sollten, kam der KJND sowohl fachlich als auch von der Organisationsstruktur an seine Grenzen."
  • "Inzwischen gehen die Zahl der umA und parallel auch die Zahl der Meldungen wieder zurück, verharren aber auf einem deutlich höheren Niveau als in den Jahren 2011 bis 2013."
  • Nach dem vom Gesundheitsressort (zwecks Kostenersparnis) fast abgeschafften Kriseninterventionsdienst (KID) des sozialpsychiatrischen Dienstes sei es zu "entsprechendem höherem personellen Einsatz" gekommen, da "der KID nicht mehr zur fachlichen Einschätzung hinzugezogen werden konnte." Also auch psychiatrische Fälle wurden dem KJND noch aufgebürdet.

"Die risikogefährdete Kinderschutzorganisation setzt auf einseitige, affirmative Problemkonstruktionen (auf unidirektionale Beobachtungen erster Ordnung) und verlässt sich auf nicht-diskursive, pseudo-objektivistische Diagnose- und Anamnesetechnologien und überschätzt formalisierte Risikoeinschätzraster und –skalen, anstatt relativistische, multiperspektivische, systemische Sichtweisen und dialogisches Verstehen zu fördern. Mit einem dergestalt zementierten Außenstandpunkt kommt es leicht zu einem Machtkampf um die „richtige“ Sicht und eine mehrseitige Problemerforschung wird verfehlt." (Prof. Wolff, 2009)


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Stellungnahme (März 2016) des Bremer Bündnis Soziale Arbeit zu den HzE-Umsteuerungen und dem ESPQ Modellprojekt Bremen
Wie in Graz und anderen Pilotprojekten in Deutschland handelt es sich beim ESPQ-Modellprojekt (2011-2015) im Bremer Stadtteil Walle und der ab Ende 2014 begonnenen Übertragung einiger „Ergebnisse“ auf alle Sozialzentren in Bremen letztlich um eine budgetgetriebene „Top-Down-Strategie“, um mit vermeintlich „sozialräumlichen“ Methoden die stark ansteigenden Kosten der Hilfen zur Erziehung im Bremer Jugendhilfesystem zu reduzieren. Eine Kritik.
BBSA zu den HzE-Umsteuerungen + ESPQ Mod
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Kinderschutz in der Demokratie – Herausforderungen, Chancen, neue Wege, Prof. Reinhart Wolff, 2009
Fachtag des Bremer Jugendamtes „Unsere Kinderschutzaufgaben nach § 8a SBG VIII – Herausforderungen, Chancen, neue Wege“
Kinderschutz in der Demokratie_Fachtag B
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Bedrohte "Zweigliedrigkeit des Jugendamtes" in Bremen - Brief des Jugendhilfeausschusses an Bildungssenatorin Bogedan: