Gegen das Schwinden des Sozialen in der Sozialen Arbeit

Am 27. April 2018 trafen sich in Hamburg fast einhundert Praktiker*innen der Sozialen Arbeit, um eine Standortbestimmung der Sozialen Arbeit in Hamburg vorzunehmen. Die Ergebnisse der Diskussion wurden auf dem letzten Bundeskongress Soziale Arbeit in Bielefeld in einem Workshop thematisiert. Sie wurden nun in einer Resolution zusammengefasst, die hier erläutert wird und über diesen LINK zur ver.di Fachgruppe Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe zum Download bereitsteht.

 

 

"Es ist momentan noch offen, ob sich die Soziale Arbeit wieder verstärkt „in die Richtung einer Überwachungs- und Sicherungskultur zur Kontrolle, Ausgrenzung und Verfolgung problembeladener, armer und benachteiligter Randschichten der Bevölkerung und ihrer Kinder“ entwickelt oder „in die Richtung der Förderung ganzheitlicher, vielseitiger und pro-aktiver demokratischer Hilfesysteme, die mit Blick auf das Kindeswohl, das Eltern- und Familienwohl und das Gemeinwohl, eine solidarische Kultur des Aufwachsen ermöglichen“ (Wolff) (i).

 

Wird das Soziale als die Fähigkeit von Menschen verstanden, sich zusammen zu schließen, um gemeinsam etwas zu schaffen, was ein Mensch alleine nie könnte (nach Hannah Arendt), dann erleben wir seit einiger Zeit den neoliberalen Versuch, diese Besonderheit menschlichen Zusammenlebens auf einen Konkurrenz-basierten Individualismus zusammen zu „pressen“. In fast allen Medien und von der großen Mehrzahl der politisch Verantwortlichen wird dieser Trend so dargestellt, als ob es dazu keine Alternativen gäbe – TINA (ii) tönt es von überall her. Diese tonangebenden Gruppen verfolgen vier eng miteinander verwobene sozialpolitische Strategien: Vereinzelung, Ökonomisierung, Bürokratisierung und Ausschließung. Diese bringen das Soziale zum Schwinden, indem sie es untergraben, entwerten und am liebsten ganz verabschieden würden. So wird die eigentlich gesellschaftlich notwendige Umverteilung von oben nach unten und die Schaffung einer gerechten Daseinsvorsorge für alle Lebenssituationen versucht zu verhindern.


Unsere Antwort darauf heißt TAMARA (iii), denn soziale Berufe ohne Achtung, ohne wechselseitige Anerkennung, ohne Unterstützung, ohne Hilfe in schwierigen Lebenssituationen und vor allem ohne Solidarität sowohl mit den AdressatInnen als auch untereinander sind keine sozialen Berufe, sondern „konformistische Erfüllungs-Automaten“. Soziale Gerechtigkeit und die Umverteilung von oben nach unten sind zudem dringend geboten und möglich. Konkret geht es darum, gegen den Mainstream die zahlreichen alternativen Ansätze in der Sozialen Arbeit zu stärken und zu erweitern:


(1) Statt Vereinzelung: Solidarität   Das Ich zählt – Geiz ist geil – Mein Haus, mein Auto, mein Pferd, …

In fast allen Lebensbereichen zählt offensichtlich nur noch der oder die Einzelne, wobei an grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Autonomie und Selbstmächtigkeit appelliert wird. Wer es nicht schafft, sich als eigene „Arbeitskraft-Unternehmerin“ oder eigener „Arbeitskraft-Unternehmer“ zu präsentieren und sich entsprechend zu verkaufen, der oder dem droht die soziale Rutschbahn in Hartz IV – über sechs Millionen sind dort schon angekommen und täglich werden es mehr. Wichtiger Kern dieser politischen Strategie ist es, die für Armut und soziale Not eigentlich ursächlichen politischen Rahmenbedingungen aus der Pflicht und Kritik zu nehmen. Stattdessen wird von den Verantwortlichen gezielt das öffentliche Bild geschaffen, die oder der Einzelne sei selbst Schuld für ihre/seine Lage. Vereinzelung und Entsolidarisierung werden so politisch voran getrieben.
Wir fordern eine soziale Politik der Anerken-nung jeder Lebensweise, zu allererst durch eine armutsfeste Sockelung von Einkommen in allen Lebenslagen, egal ob es Lohn, Arbeitslosengeld und Rente betrifft. Nur auf dieser Basis lässt sich Solidarität wirklich erleben. „Da liegt das Paradoxon: Nur die soziale Solidarität gewährleistet Individualisierung, während persönliche Einzigartigkeit, die sich meist in Gegensatz zu anderen definiert, die Solidarität bedroht. Wir fühlen uns sicher in dem Maße, in dem wir für diejenigen wichtig sind, die Bedeutung für unser Leben haben“ (Bettelheim) (iv).


(2) Statt Ökonomisierung: Soziale Rechte und faire Löhne Das muss sich rechnen – keine Leistung ohne Gegenleistung – fordern und fördern…

Die Durchdringung kapitalistischer Rationalität aller Lebensbereiche lässt es (fast) selbstverständlich erscheinen, dass alles sich rechnen muss. Gefördert wird, was Verwertungsprozesse unterstützt. Was nicht verspricht, rentabel zu sein oder zu werden, wird mit Hartz IV oder anderen minimalen und diskriminierenden Mitteln abgespeist. Anteilnahme, Zuhören, gemeinsam etwas unternehmen und die dafür erforderlichen Ressourcen und Rahmenbedingungen zu erkämpfen, gehören offensichtlich nicht in betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Kalkulationen. Auch die Ausbildung sowie Studium, Lehre und Forschung kommen unter den Bedingungen der Ökonomisierung zunehmend unter die Räder.
Wir fordern ein stabiles, abgesichertes soziales Sicherungssystem ohne Sanktions-Logik mit subjektiv einklagbaren Rechten auf Unterstützung in prekären Lebenssituationen. Wir fordern vor allem eine faire Absicherung in der Erwerbslosigkeit, eine Kindergrundsicherung und eine Rente, die wirkliche Teilhabe ermöglicht. Wir fordern die Anerkennung und Aufwertung der Sozialen Arbeit als gesellschaftlich wichtige, notwendige und entsprechend entlohnte Arbeit, die – ausgestattet mit bedarfsgerechten, rechtsverbindlichen Ressourcen – in der Lage ist, nachhaltig zu helfen. Dazu gehö-ren auch: auskömmliche Ressourcen für eine professionelle Ausbildung und ein reflexionsorientiertes Studium der Sozialen Arbeit, statt weiterer politische Versuche, die Soziale Arbeit als kurzsichtige Reaktion auf den Fachkräftemangel affirmativ und stromlinienförmig anzupassen.
„Sozialarbeit muss an Ort und Stelle die objek-tiven Handlungs- und Erfahrungschancen der Betroffenen vergrößern, will sie den Kreislauf der Verelendung durchbrechen“ (Negt) (v).


(3) Statt Bürokratisierung: Partizipation

Immer detailliertere Vorschriften und immer umfangreichere Dokumentationen gängeln uns und schränken unsere Professionalität ein: Statt mit den Familien zu arbeiten, Zettel ausfüllen? Abarbeiten statt beraten? Der bürokratische Versuch, komplexe Situationen mit allgemeinen Vorschriften in den Griff zu bekommen, muss scheitern. Die in diesem Zusam-menhang ebenfalls festzustellende Auslagerung von Tätigkeiten führt statt zu einem Abbau von Hierarchien lediglich zu deren Vermehrung.
Mit dem Mehr an Bürokratie und Kontrolle hält eine Misstrauenskultur Einzug, welche verun-sichert sowie Vereinzelung und Isolation so-wohl auf Seiten der Beschäftigten, als auch der Adressat*innen noch verstärkt. Gleichzeitig werden Partizipationsmöglichkeiten immer mehr zu einer Ressourcenfrage. Politische Praxis der Neoliberalen ist es, eigentlich fortschrittliche Begriffe aus der Theorie der Sozialen Arbeit neu politisch zu rahmen. Unter einem solchen Verdeckungszusammenhang wird z.B. „Partizipation“ für Kosteneinsparungen instrumentalisiert und versucht, sowohl Adressat*innen als auch Sozialarbeitende freiwillig in von oben vorgegebene Konzepte einzubinden.
„Hand in Hand mit der vielgepriesenen, Objektivität sichernden, bürokratischen Spezialisierung vollzieht sich eine Loslösung des Fachmannes vom Resultat der extrem arbeitsteiligen, wenngleich koordinierten Tätigkeit des gesamten Apparates “ (Bauman) (vi).
Wir fordern den radikalen Abbau dieser sich verselbstständigenden Kontrollwut und Hierarchien.
Stattdessen fordern wir die Rückbesinnung auf Konzepte wirklicher Partizipation: Gesell-schaftliche Räume, um Demokratie zu realisie-ren und sich gemeinsam mit anderen als Sub-jekt begreifen zu können sowie Selbstwirksam-keit zu erfahren. Dafür braucht die Soziale Ar-beit demokratische Grundstrukturen statt einer top-down Ideologie; sie braucht kollegiale Be-ratung und die Möglichkeit, sich qualifizierten Sachverstand in Form von Supervision und Fortbildung anzueignen.


(4) Statt Ausschließung: Inklusion – Mangelnde Mitwirkung – sozial-schädliches Verhalten – Normverdeutlichung – …

Es wird wieder verstärkt auf Ausschließung statt auf Verständnis und Aushandlung gesetzt. Obwohl auch die in der Bundesrepublik geltenden UN-Menschenrechte Inklusion vor-schreiben, wird dieses zentrale Recht nicht re-alisiert. Statt Versorgungs- und Bildungsein-richtungen so umzugestalten, dass jeder Lebensentwurf darin realisiert werden kann, wird mit angeblich „individualisierten Förderungsbe-darfen“ faktische Ausschließung praktiziert: Wenn es zu teuer oder zu kompliziert wird, dro-hen eben doch Anstalt, Sonderschule, Haft oder Abschiebung.
Inklusion beinhaltet eine fachpolitische Haltung, „die als eigenständige Erklärung der Wirklichkeit gegen Reduzierungen, Personali-sierung und Standardisierungen darauf gerich-tet ist, auch gegen die in der Sozialen Arbeit liegende Anlage eine Praxis zu befördern, die als Gestaltung von Verhältnissen verdeckte Konflikte sichtbar macht, in Verhandlungsare-nen einbringt und so Position bezieht in den gesellschaftlichen Anerkennungskonflikten“ (Bitzan 2018) (vii).


Wir fordern demokratische Organisationsreformen in allen Feldern der Sozialen Arbeit, die Eigensinn und Eigenständigkeit des Sozialen als Vielfalt und Entwicklungspotential zum Ausgangspunkt haben. Statt Hilfskräfte für Polizei, Justiz und Schulsystem zu sein, sollte Soziale Arbeit verstärkt auf Ausgleich, Begleitung, Unterstützung und Aushandlung auch in schwierigen Situationen setzen – auch als Ansätze zu einer wirklichen Inklusion. Dies erfordert die Bereitstellung entsprechender Ressourcen.
Als Ergebnis stellen wir fest, dass unser Kampf gegen das Schwinden des Sozialen in der Sozialen Arbeit auch der Kampf für soziale Gerechtigkeit und Umverteilung von oben nach unten ist. An Sozialem, Bildung, Kultur und Ge-sundheit darf nicht gespart werden. Gemeinsame Solidarität stärkt und hilft uns in den Auseinandersetzungen. Wir müssen Staat und Politik unter Rechtfertigungszwang setzen, wenn die Ressourcen zur Realisierung der Rechte der Adressat*innen und der Akteur*innen der Sozialen Arbeit nicht hinreichend zur Verfügung gestellt werden.


Nur wenn wir gesellschaftliche Mehrheiten für unsere Forderungen gewinnen können, wird die Entwicklung in unserer Gesellschaft „in die Richtung der Förderung ganzheitlicher, vielsei-tiger und pro-aktiver demokratischer Hilfesysteme (gehen), die mit Blick auf das Kindeswohl, das Eltern- und Familienwohl und das Gemeinwohl eine solidarische Kultur (...) ermöglichen“ (Wolff – s.o.).

 

Wir bedanken uns bei allen, die an der Resolution mitgearbeitet haben: Timm Kunstreich, Marion Panitzsch-Wiebe, Elke Alsago, Sieglinde Frieß, Peter Meyer, Andrea Krieger, Max Cornels, Jochen Schulz, Lea Degener & die Teilnehmerinnen an der Konferenz


i Wolff, Reinhart (2012): Info NZFH (Nationales Zentrum Frühe Hilfen), rev. 11.1.2012: 11-26
ii There Is No Alternative – es gibt keine Alterna-tive
iii There Are Many And Rich Alternatives – es gibt viele und reiche Alternativen
iv Bettelheim, Bruno (1978): Der Weg aus dem Labyrinth. Leben lernen als Therapie. Frank-furt/M., S. 257
v Negt, Oskar (1978): Notizen zum Verhältnis von Produktion und Reproduktion. Am Beispiel des politischen Selbstverständnisses von Sozial-arbeitern. In: Gaertner, A./Sachße, C. (Hrsg.), Politische Produktivität der Sozialarbeit. Frankfurt am Main: S.66
vi Bauman, Zygmunt (1992): Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg, S. 116
vii Bitzan, Maria (2018): Das Soziale von den Lebenswelten her denken. Zur Produktivität der Konfliktorientierung für die Soziale Arbeit. In: Roland Anhorn u.a. (Hrsg.) Politik der Verhält-nisse – Politik des Verhaltens. Wiesbaden, S. 66

 

V.i.S.d.P.: Sieglinde Frieß, ver.di Hamburg, FG SKJ, Besenbinderhof 60, 20097 Hamburg