Soziale Arbeit - der "Kitt dieser Gesellschaft" ?

Von Bremer Regierungsseite, Bürgermeister Carsten Sieling in einem Pressestatement und Sozialsenatorin Anja Stahmann in einem Videointerview, wurde in Grußbotschaften an die "Nacht der Sozialen Arbeit" am 10. August 2018 betont, dass Soziale Arbeit ihrer Auffassung nach so wichtig sei, weil sie der "Kitt dieser Gesellschaft" sei. Die lokale Presse hat diese Losung gleich in fette Schlagzeilen verwandelt. Klaus Möhle, Vorsitzender des SoVD-Kreisverbands Bremen und Vorsitzender der Sozialdeputation, ergänzte in seinem Grußwort: „Soziale Arbeit ist ein probates Mittel gegen die Spaltung und den unerträglichen Rechtsruck in unserer Gesellschaft, die sich immer mehr auseinander entwickelt.“

 

Eine trügerische Be"Wertung" all derer, die in diesem Beruf um Anerkennung und Aufwertung streiten, denn: dass Menschen in Not geholfen werden muss, jetzt und hier, aus einer solidarischen,  humanistisch-ethischen, oder auch christlichen Grundhaltung heraus, ist im Sozialarbeits-Beruf selbstverständlich und muss nicht näher erläutert werden. - Sieling, Stahmann und Möhle befinden sich dabei aber in trauter Gemeinsamkeit mit einem eher konservativen  Fürsorgemodell, wie es z.B. von G. Bäumer und H. Scherpner vertreten wurde und heute in abgewandelter Form weiter verbreitet wird.

 

Was veranlasst Regierungspolitiker*innen, diese zutiefst ungerechte Gesellschaft,

  • geprägt von sich vertiefenden Klassengegensätzen, einem wachsenden Niedriglohnsektor, wachsender (Kinder)Armut, dem Abbau von bezahlbaren Sozialwohnungen als Folge der Überlassung der Wohnungswirtschaft an profitorientierte Konzerne und der wachsenden Zahl der am Rande der Erschöpfung lebenden Alleinerziehenden ....
  • bei gleichzeitiger Reichtumsanhäufung bei einer winzigen parasitären Minderheit (weniger als 1%), von Superreichen, deren spekulative Finanzakrobatik auf Kosten des Gemeinwesens eine gefährliche Krise nach der anderen produziert,

kitten zu wollen ?

 

Nun: Sie verwalten im Rahmen Sozialabbau betreibender Schuldenbremsen als Regierende diese wachsende Armut, die sich vertiefende Spaltung für die Mehrheit und Bereicherung einiger Weniger und der Folgen des Ganzen: Finanz- und Wirtschaftskrisen, Zerstörung der natürlichen Ressourcen,  Erschöpfung der sorgenden und solidarischen Reproduktionspotentiale der Menschen, insbesondere der Frauen. Der soziale Konsens erodiert ja spürbar angesichts dieser - die Interessen der Mehrheit ignorierenden - Entwicklungen. Verwaltende Politiker*innen spüren diese Erosion und die Profession Soziale Arbeit war historisch betrachtet schon immer leichtfertig bereit, sich auf diesen "Job" reduzieren zu lassen und die sozioökonomische Verursachung der Armut auszublenden. Sozialarbeitende können „die schlimmsten Wunden verbinden, die die Gesellschaft schlägt, aber nicht ihr Schlagen verhindern.“ (vgl. Frigga Haug 2012)

 

Sozialarbeiter*innen sind oftmals gefangen in der Tradition weiblicher und kirchlicher Fürsorge und demutsvoller Aufopferung verbunden mit miserabler Bezahlung und Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit ruinieren. Kritische Sozialarbeiter*innen verweigern sich dieser reduzierenden Funktionszuschreibung. Sie eint die Vision einer gerechten Welt (so das Positionspapier unseres Bündnis´) mit positiven Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle Menschen, mit einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt, wo die kreative Entfaltung kleiner Menschen, junger Menschen, Eltern, alter Menschen und ihrer Familien, im Geiste eines respektvollen und friedlichen Miteinanders in einem demokratischen Gemeinwesen gefördert wird.

 

Die dafür erstrebenswerte Gesellschaft und Wirtschaftsform, in der es auch Soziale Arbeit als solidarische Unterstützung geben wird, ist eine völlig andere, als die zur Zeit (noch) mühsam zusammen gekittete. Engagierte (unangepasste) Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagogen*innen sind also aufgefordert, nicht der Kitt der Jetzigen, sondern die Transformatoren für eine gerechte Gesellschaft zu sein, in zivilem Ungehorsam gegenüber zugewiesenen Unerträglichkeiten und aktivierenden, kontrollierenden bis hin zu repressiven Tendenzen gegenüber den Adressaten*innen der Sozialen Arbeit.

 

Es gibt viele verschiedene Traditionen und Theoriegebäude in der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik. Es wäre spannend von Sieling und Stahmann selbst zu erfahren, warum sie sich gerade für eine konservative Tradition entschieden haben und emanzipatorische Ansätze, die in den 1970-80er Jahren noch mehrheitsfähig waren, offensichtlich gar nicht mehr zu kennen scheinen.

 

Die Affinität solch konservativer Sozialarbeitskonzepte mit neoliberaler Ideologie hat sich tief in sozialdemokratische und grüne Parteispitzen eingegraben. Mit der Verabschiedung von Hartz II, III und IV durch SPD und Grüne 2003 wurde ein von der Arbeiterbewegung erkämpfter Versicherungsanspruch (Arbeitslosengeld und -hilfe) herabgestuft in ein Elendsalmosen für ganze Familien ("Bedarfsgemeinschaften"), das makabrerweise auch noch an Selbstaktivierungsanstrengungen (Arbeitslosigkeit soll selbstverschuldet sein ?!) geknüpft wurde, mit Sanktionen bewehrt für alle, die nicht spuren. "From welfare to workfare", das war das "progressive" Programm des US-"Demokraten" Clinton; von Blair, Schröder, Fischer und Macron für brutale Lohnsenkungspolitik und Sozialstaatsabbau europäisiert.