Neuer Film von Ken Loach: "I, Daniel Blake" über einen englischen (Hartz IV  sehr ähnlichen) "Wohlfahrts"-Apparat, der sich gegen die Menschen wendet, die er eigentlich unterstützen sollte.

Der sozialkritische englische Filmemacher Ken Loach prangert in seiner Rede in Cannes (sein Film " I, Daniel Blake " wurde dort mit der Goldenen Palme ausgezeichnet) brutale neoliberale Entwicklungen gegen Werktätige, Arbeitslose und die Umwelt in Europa an: Privatisierung, Deregulierung, Abbau von Arbeitsschutzgesetzen, Verarmung der Mehrheit und Konzentration der Macht bei wenigen Superreichen.

 

(Alters)Armut und Arbeitslosigkeit seien angeblich selbstverschuldet, suggeriert neoliberale Ideologie. Ein Gedankengebäude, dafür erfunden, die absurde Existenz einer winzigen (leistungslos über Erbschaft superreich) Machtelite, die sich die für sie passende Regierung "kaufen" kann, als Natur (oder sogar Gott ?) gegeben darzustellen. Der politisch und finanziell abgewirtschaftete wohlfahrtsstaatliche Apparat wird schließlich gegen die Menschen, die er eigentlich unterstützen sollte, eingesetzt. Der "aktivierende Sozialstaat a la Hartz IV" suggeriert den Opfern des Systems Faulheit und fehlende Kooperation. "Unwillige" werden mit Sanktionen (Leistungskürzungen/-streichung) gedemütigt, mit steigender Kontrolle und Disziplinierung.

 

Mehr in diesem video. Jede Ähnlichkeit mit dem deutschen Hartz-IV ist natürlich "rein zufällig".

Verdi Publik hat eine interessante Rezension veröffentlicht.


Freistatt

ein Film von Marc Brummund, mit Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm u.a., Deutschland 2015, 104 Minuten

 

http://www.freistatt-film.de/  

Interview im WK (23.06.2015) mit Regisseur u. ehem "Zögling" Wolfgang Rosenkötter.

In der Arte Mediathek zu sehen bis 18.02.2017

 

"Sonst kommst du nach Freistatt". Eine Drohung, mit der viele rebellische Jungen auch aus Bremen und den Bremer evangelischen Jungen-Heimen "St. Petri" und "Ellener Hof" (1989 geschlossen) eingeschüchtert wurden. Nicht wenige landeten im "Vorhof zur Hölle", der "Diakonie Freistatt" bei Diepholz. In der Nazizeit brutales Zwangsarbeitslager, Selektionsmaschinerie nach "Erbgesundheitskriterien" und Kanonenfutter-Verschiebebahnhof  in den Krieg, wurde die Schwarze Pädagogik der Nazarether Diakone der Bodelschwingschen Anstalten, Bethel, nach 1945 fast bruchlos fortgeführt. Eine Aufarbeitung fand - nach jahrelangem Druck - erst vor kurzem statt und ist nachzulesen in dem Buch "Endstation Freistatt", welches auch als Drehbuchvorlage diente.
Untertitel des Buches: "Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre", Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl und Kerstin Stockhecke (Hg.), Bethel-Verlag, Bielefeld 2009

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Rezension von Prof. Dr. Kappeler zum Buch "Endstation Freistatt"
Endstation+Freistatt_Rezension+Kappeler.
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Zeittafel 1933 - 1951 Diakonie Freistatt
Zeittafel ab 1933 Diakonie Freitatt_Inte
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Bis in die 1970er Jahre war diese "totale Institution", das Moorarbeitslager ca. 60 km südl. von Bremen (zwischen Sulingen und Diepholz), eine Heimerziehungs-Endstation. In Deutschland gab es geschätzte 500.000 Heimzöglinge in den ersten 3 Jahrzehnten nach dem Krieg, die bis heute an den Folgen der Traumata zu leiden haben. Viele schämen sich bis heute damit an die Öffentlichkeit zu treten. Bis heute weigern sich die mit jährlich Milliarden Euro vom Staat geförderten Kirchen die praktizierte Zwangsarbeit in den zu 80% kirchlichen Fürsorgeanstalten anzuerkennen und zu entschädigen.

 

Hier ein link zu einem WK Artikel (25.6.15) über einen anderen ehem. "Zögling" in "Freistatt".

Film „Freistatt“ sorgt für Entsetzen und Sprachlosigkeit unter den 450 Zuschauern der Premiere in Diepholz

 „Ein dunkles Kapitel vor unserer Haustür“, wie die Kreiszeitung am 29.6.2015 berichtet. "[Hof Moorort] entpuppte sich als ein Hort der Quälerei, ein Guantanamo für junge Wilde. Das Moor mit seinen natürlichen Barrieren machte die Flucht für Insassen unmöglich. Es war ein Idyll mit Weite, aber eben nicht für die „Freistattler“ unter Anstaltsleiter Brockmann, der sich über die NS-Zeit erfolgreich gerettet hatte und sie weiterlebte. Parallelen zu den nur gut 20 Jahre früheren Arbeitslagern mit Tor-Inschriften wie „Arbeit macht frei“ drängen sich auf. Hinter den Mauern der kirchlichen Fürsorgeanstalt herrschte noch der alte Geist, während draußen langsam die Zeichen auf Flower-Power und Freedom standen."


Aufarbeitung und Verarbeitung


WEB-Seite von "Überlebenden der Anstalt".
Originalfotos: http://schlaege.com/html/freistatt_fotos.html


"Frontal"-Sendung zur Weigerung der Kirchen, die Zwangsarbeit anzuerkennen:  https://www.youtube.com/watch?v=AzQJrIF73r4


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Filmheft mit historischen Hintergründen und Dokumenten für Pädagogen u.a.
FREISTATT_Filmheft.pdf
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Der Weserkurier vom 23.11.2014 wies in diesem Artikel auf die Ende des Jahres 2014 ausgelaufene "Antragsfrist für ehemalige Heimkinder" hin. Hier ein bemerkenswerter Kommentar im WK-Online von einer "HeidiD" dazu:

"Bis zum Schluss also werden die Almosen aus dem Fonds Heimerziehung zu "Entschädigungen" umgelogen! Das ist schändlich und die Presse macht sich damit mitschuldig am heutigen Leid der ehemaligen Heimkinder. Daran nämlich, dass die Überlebenden deutscher Heimerziehung heute retraumatisiert werden, wieder gegängelt und gedemütigt! ENTSCHÄDIGUNG ist eine geldwerte Leistung als Ausgleich für einen erlittenen Schaden. Mit Rechtsanspruch und in bestimmter Höhe. LEISTUNGEN AUS DEM FONDS sind freiwillige Zahlungen von Kirchen und Staat in "Anerkennung des erlittenen Leides", die weder mit dem angerichteten Schaden noch mit dem aus den Heimkindern erzwungenen und erpressten Reichtümern auch nur das mindeste zu tun haben ! Und jetzt heißt es auch noch: WER ZU SPÄT KOMMT, GEHT LEER AUS! Das Leid der Menschen, die sich bis zum 31.12.2014 nicht überwinden konnten, oder die schlicht bis dahin nichts gehört hatten - verpufft. Dumm gelaufen. War wohl doch nicht so schlimm...."

 


Die Aufarbeitung der Justizgeschichte nach ’45

Doku-Film: "Fritz Bauer - Tod auf Raten"  http://www.fritz-bauer-film.de/ge/index.htm

"Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und der Prozess um den 20. Juli - Das Braunschweiger Verfahren gegen Otto Ernst Remer 1952", in dem es Fritz Bauer gelang, dass erstmalig in Deutschland der NS-Staat von einem Gericht zum Unrechtstaat erklärt wird, die Grundlage für die Rehabilitierung des Widerstands schlechthin und für vieler anderer Verfahren gegen Nazis.

 

"Der Staat gegen Fritz Bauer"

Deutschland 2015, Regie: Lars Kraume, mit  Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg
Länge: 105 Min., FSK 12, Kinostart: 1. Oktober 2015

 

Ein Jurist, sei er auch Staatsanwalt, eignet sich höchstens in amerikanischen Gerichtsfilmen zum Heldentenor. Umso erfreulicher die Konjunktur, die Fritz Bauer, der ehemalige hessische Generalstaatsanwalt, gegenwärtig erlebt. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod erinnert jetzt auch Regisseur Lars Kraume an einen leider fast vergessenen Mann, der sich in der alten Bundesrepublik mit seinem Mut wenig Freunde machte. Er brachte die Verbrechen von Auschwitz fast im Alleingang vor Gericht. Kraumes Psychogramm eines Aufrechten in den 60er Jahren und einer Nation, die von ihrer Vergangenheit nichts wissen wollte, war längst überfällig - auch wenn "Im Labyrinth des Schweigens" schon viel aufgegriffen hat. Herausragend verkörpert der subtile Charakterdarsteller Burghart Klaußner diesen humanistischen Helden. Ein ungemein starker Film! Unbedingt sehenswert!
Er ist die Ausnahmeerscheinung der Nachkriegsjustiz: Fritz Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, der die Deutschen in einem Aufsehen erregenden Prozess mit der Barbarei in Auschwitz konfrontiert. In seiner Zunft steht er weithin allein da. „Wenn ich mein Amtszimmer verlasse“, sagt er im Freundeskreis, „betrete ich feindliches Ausland“. Denn die Mehrheit seiner Amtskollegen trug ihre Robe bereits im Zeichen des Hakenkreuzes. Eingebunden in braune Seilschaften, bemühen sie sich nach Kräften, die Verbrechen der Vergangenheit zu vertuschen.
Gegen die verdrängende Schlussstrichmentalität der Nachkriegsgesellschaft versucht Bauer im Frankfurter Auschwitzprozeß seinen Landsleuten, die nicht gewillt sind, sich ihrer Verantwortung zu stellen, die Augen zu öffnen. Den Humanisten, obwohl als jüdischer Sozialdemokrat nach 1933 von den Nazis aus seinem Vaterland vertrieben, trieb nicht Rachsucht. Ihm ging es um Aufklärung. Ohne seine Beharrlichkeit wäre auch Adolf Eichmann, der nach Argentinien geflohene Massenmörder und Manager des NS-Vernichtungswerks, unbehelligt geblieben.